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Ostholsteiner Anzeiger

18. Dezember 2017 | 23:38 Uhr

Gibt es Probleme mit der Schießsicherheit?

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Christoph Wöhlcke aus Bad Schwartau erhebt schwere Vorwürfe gegen die Betreiber des Schießsportzentrums Kasseedorf / „Plötzlich Menschen vor der Waffe“

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erstellt am 01.Feb.2017 | 15:43 Uhr

Das Schießsportzentrum (SSZ) Kasseedorf ist auch 16 Jahre nach dem Beschluss seines Baus und der viel späteren Aufnahme des Schießbetriebes im Juni 2013 in kritischer Diskussion. Was sich jedoch geändert hat: die Jäger selbst geraten jetzt aneinander. Einige erheben Vorwürfe gegen den Vorstand des SSZ Kasseedorf, weil sie keine Auskünfte zur finanziellen Situation bekommen.

SSZ-Vorstandsmitglied Otto Witt sieht das im OHA-Gespräch nicht so: „Wir fahren zurzeit wirklich in ruhigem Fahrwasser.“ Und der ehrenamtliche Geschäftsführer Wulf-Heiner Kummetz ergänzt: „Wer Informationen haben will, der bekommt sie auch von uns.“ So würden zum Beispiel die Jahresabschlüsse über die Kreisjägerschaften in den Jahresversammlungen kommuniziert werden.

Der 68-jährige Jäger Christoph Wöhlcke aus Bad Schwartau erhebt jedoch schwere Vorwürfe. Der seit 1988 leidenschaftliche Jagdparcoursschütze, der bereits selbst einige Layouts für Jagdparcoure mit 70 Wurfmaschinen im Einsatz entworfen haben will, spricht öffentlich von großen Sicherheitsmängeln im SSZ Kasseedorf. Die habe er über das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume in Flintbek beim Bauamt des Kreises Ostholstein angezeigt. Die Behörde ist für die bauliche Abnahme des Schießplatzes verantwortlich.

Von Sicherheitsmängeln allerdings will der 38-jährige Geschäftsführer und Vorsitzende der Kreisjägerschaft Lübeck, Wulf-Heiner Kummetz, nichts wissen. Er verweist auf ein gerade am Mittwoch eingetroffenes, neues Gutachten des Diplom-Ingenieurs Michael Ruseler: „Im Gutachten werden gegen die weitere Nutzung des SSZ aus schießsicherheitstechnischer Sicht unter Einhaltung der Vorgaben keine Bedenken erhoben“, steht darin. Gutachter Ruseler nehme auf Wunsch der SSZ-Betreiber von Zeit zu Zeit weitere Kontrollen vor. „Wir möchten uns stets verbessern. Eine gute Selbstkontrolle für uns“, sagte Kummetz. Auch die Aufsichten werden regelmäßig durch Fachleute geschult – das seit Bestehen der Anlage.

Doch Kritiker Wöhlcke wird konkret: Es passierte am 2. Juli 2016. Mit Jagdfreunden hatte er sich nach eigener Schilderung zum Jagdparcoursschießen im SSZ Kasseedorf verabredet. Beim Abrufen einer Wurfscheibe hatte er plötzlich in etwa 65 Meter Entfernung drei Menschen vor der durchgeladenen Flinte, schildert er. Die seien aus dem Laufender-Keiler-Stand gekommen. „Als Jäger bin ich für meinen Schuss verantwortlich und wenn ich einen Menschen getroffen hätte, wäre ich meinen Jagdschein los“, sorgt sich Wöhlcke. Er spricht von drei weiteren Fällen dieser Art, die dort passiert sein sollen.

Die sind allerdings den SSZ-Betreibern nicht bekannt: „Wenn das so gewesen ist, hat sich Wöhlcke den Schießstandvorschriften und Anweisungen der Aufsichten widersetzt“, sagte Wulf-Heiner Kummetz. Als Schütze habe er seinen Schuss offenbar außerhalb des zugewiesenen Sicherheitsbereiches abgegeben. Außerdem habe sich die Situation in späteren Gesprächen mit den Aufsichten so nicht dargestellt.

Das von Christoph Wöhlcke so geschilderte Jagdparcoursschießen ging gut aus, weil er als Schütze offenbar schnell und richtig reagierte. „Ich war kreideweiß und zitterte am ganzen Körper“, erinnert sich Wöhlcke, der der Sache danach unbedingt und vehement, vielleicht auch etwas forsch aber hartnäckig, auf den Grund gehen will. Nach diesen Erlebnissen erklärte Wöhlcke am 7. Juli 2016, dass er das SSZ Kasseedorf nicht mehr betreten werde.

Offenbar war seine Reaktion so energisch, dass er am 14. Juli 2016 Platzverbot im SSZ bekam und aus der Kreisjägerschaft Eutin ausgeschlossen wurde. Die Ankündigung: Wenn Wöhlcke weiter Unwahrheiten verbreite und sich geschäftsschädigend verhalte, werde man rechtliche Schritte gegen ihn einleiten. „Der Ausschluss aus der Kreisjägerschaft und dem Landesjagdverband Schleswig-Holstein hat mit der Angelegenheit Kasseedorf rein gar nichts zu tun“, betont Kummetz.

„Diese Art von Personengefährdung auf einem Schießstand muss doch ausgeschlossen sein“, fordert unterdes Wöhlcke, der sich „nicht vorstellen kann, dass das SSZ so genehmigt wurde“. Er habe selbst auch eine weitere Gefährdung im Parcoursstand erfahren, als eine Wurfscheibe aus Ton nur zehn Zentimeter an seinem Kopf vorbeigezischt sei.

Wöhlcke forschte weiter, wälzte Akten und besorgte sich die Gutachten zur Betriebsgenehmigung. „Wir werden das rechtlich prüfen, denn Wöhlcke darf nicht im Besitz der Gutachten sein“, kündigte Kummetz an. Doch Wöhlcke wurde hellwach, als er in einer Karte zur Baugenehmigung immerhin sieben Sicherheitsnetze aufgeführt sah: „Es wurden aber augenscheinlich nur drei Sicherheitsnetze aufgebaut.“ Das Durcheinander wird nach seinen Worten in einer Karte zum Gutachten vom 12. Dezember 2013 komplett, in der vier Sicherheitsnetze dargestellt seien. Wöhlcke: „Mit allen Sicherheitsnetzen wäre es vermutlich nicht zu diesem Beinahe-Unfall gekommen.“

Kummetz bestätigte im OHA-Gespräch, dass tatsächlich in den Zeichnungen sieben Kugelfangnetze zu sehen seien. Netze, die so zulässig seien. Bei der Berechnung des Sicherheitsbereiches seien aber nur drei Netze berücksichtigt worden, die auch gebaut wurden. Sieben Schießfangnetze seien als maximale Sicherheit für ei-nen späteren Zeitpunkt möglich. Die drei vorgehaltenen Netze reichten völlig aus und seien auch so vom Gutachter Gerhard Schorner aus Kiel abgenommen worden.

Christoph Wöhlcke will auch zwei sogenannte Jungjägerstände entdeckt haben, über die bei seinem Besuch im Kreisbauamt erst am 2. Februar keine Betriebserlaubnis oder gar Genehmigung gefunden werden konnte. „Ein Jungjägerstand ist gemeinsam in Verbindung mit dem olympischen Graben genehmigt worden, der andere Stand im Rahmen des Jagdparcours“, erklärte Kummetz.

Und Wöhlcke gräbt weiter: Auch beim eingetragenen Gefährdungsbereich im Gutachten vom 12. Dezember 2013 sei ein Abstand von 165 Meter vom Schützenstand aus erforderlich. In der zeichnerischen Darstellung endeten die 165 Meter aber bei 140 Meter, so Wöhlcke weiter. Abgeschossene Schrote flögen sogar 190 Meter weit in und über die Schwentine hinweg bis auf eine Pferdekoppel im FFH-Gebiet, weil offenbar mit zu schwerer Schrotmunition bei fehlendem Sicherheitsnetz geschossen werde. Wöhlcke: „Der Parcoursstand ist nur für Schrotstärken von bis 2,3 Millimeter zugelassen.“ Gefundene Hülsen am Schießstand und Bleischrote in der Schwentine und auf der Weide wiesen den Inhalt und den Durchmesser von Schroten bis zu 2,5 Millimeter auf. „Und das Kreisbauamt schließt vor alledem die Augen“, sagt Christoph Wöhlcke, der meint: „Das ist kein Wespennest, sondern ein Hornissennest, in das ich gestoßen habe.“

Wulf-Heiner Kummetz widerlegt: „Wir schießen auf den Skeet-Anlagen im SSZ mit maximalen Schrotstärken von 2,4 Millimeter mit Bleischrot, für Stahlschrot haben wir eine Zulassung von 2,6 Millimeter.“ Das werde von den Aufsichten scharf überwacht.“

Die offenbar einzige Reaktion, die Christoph Wöhlcke beim Kreis Ostholstein erreicht habe, sei im Herbst des vergangenen Jahres der Besuch von zwei Mitarbeitern der Waffenbehörde gewesen, die seine Waffen und deren Aufbewahrung kontrolliert hätten. Wöhlcke: „Es war alles in Ordnung.“

Im Betreiberverein des SSZ Kasseedorf sind knapp 3000 Jäger der vier Jägerschaften Eutin, Oldenburg, Lübeck und Plön vertreten. Manche meinen, das SSZ Kasseedorf werde zu einem finanziellen Desaster für die Jäger. Geld werde in einen Topf geworfen, den keiner kontrollieren könne, weil der Betreiberverein „SSZ“ nur 16 oder 18 ordentliche Mitglieder habe. Die etwa 3000 zahlenden außerordentlichen Mitglieder hätten kein Stimmrecht und bekämen keine Auskunft über die finanzielle Situation.

Das sehen Otto Witt und Wulf-Heiner Kummetz anders: „Wir haben eine Kontrolle diverser Verbandsgremien und der finanzierenden Hausbanken. Gegenwärtig gehören dem Verein 51 Mitglieder an, durch eine Satzungsänderung im Frühjahr soll dieser Kreis noch erweitert werden.“ Alle übten intensive Kontrollen der Finanzen aus. Kummetz: „Hier wird nichts dem Zufall überlassen.“ Mitglieder erhielten auf Wunsch Auskünfte in den Versammlungen der Kreisjägerschaften und auf Nachfrage durch die Kreisvorsitzenden. „Da kommen Daten, Zahlen und Fakten auf den Tisch.“ Und er beruhigt: „2016 haben wir im SSZ eine schwarze Null geschrieben.“

Der ehemalige Vorsitzende der Kreisjägerschaft Plön, Hans-Werner Blöcker, hat im September 2016 die Konsequenzen gezogen und ist von seinem Vorsitz zurückgetreten. Auch in einem Info-Brief der Kreisjägerschaft Plön heißt es: „Bei den bisherigen betriebswirtschaftlichen Parametern wäre das SSZ auf Dauer nicht rentabel.“ Es waren Umlagen im Gespräch, dann Beitragserhöhungen. Luft verschaffte eine Senkung des früheren Zins- (5,25 Prozent) und Tilgungssatzes (2,75 Prozent) auf jetzt jeweils zwei Prozent. Wöhlcke: „Wird der Tilgungssatz gesenkt, erhöht sich die Laufzeit des Darlehens und es sind dadurch insgesamt mehr Zinsen zu zahlen.“ Und für Wöhlcke ist klar: „Das SSZ lässt sich aufgrund der Bauweise auf Dauer nicht wirtschaftlich betreiben.“ Das sieht der Geschäftsführer des SSZ indes vollkommen anders: „Wir kennen unsere Zahlen, die im März auf der Jahreshauptversammlung wieder veröffentlicht werden, genau. Das SSZ ist auf einem guten Weg und für die kommenden Jahre stabil aufgestellt. Während andere mutmaßen, liefern wir – und das ist es, was zählt.“ 

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