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Ostholsteiner Anzeiger

22. Oktober 2017 | 19:35 Uhr

Gesundheitspolizisten ohne Arbeit?

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Hygienerichtlinien machen Geiern das Leben schwer / Zucht schuf die Voraussetzung für anspruchsvolles Wiederansiedlungsvorhaben

von
erstellt am 27.Okt.2014 | 18:16 Uhr

Es muss ja etwas dran sein, an dem schwerblütigen Bauerndrama des Buches „Geierwally“, das bereits 1875 geschrieben wurde. Sechsmal ist das Thema bis heute verfilmt worden, und es hat sogar eine Oper und ein Musical gegeben. Dieses Bergheimatdrama mit der Blut- und Bodenideologie, die so gut in die „braune Zeit“ passte, wurde von der nationalsozialistischen Filmprüfstelle als „künstlerisch und volkstümlich wertvoll“ angesehen.

Als „Lämmergeier“ wurde ihnen nachgesagt, Jungvieh und sogar kleine Kinder zu rauben, den Geiern Europas, die im Süden Deutschlands vor ihrer menschlichen Verfolgung lebten und offenbar dort wieder zahlreicher werden, so dass auch wir Bewohner der norddeutschen Ebenen und der lieblichen Mittelgebirge hin und wieder Geier als Gäste – auf Zeit – werden beobachten können; dabei muss man sich natürlich fragen, ob es in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft nördlich des Alpen- und Pyrenäenbogens überhaupt einen ökologischen Platz für Geier gibt. Das wenige, hier anfallende Aas wird schon von anderen charismatischen Arten beansprucht.

Das Glück, bei uns einen Kadaver zu finden, wird den Geiern sicher selten genug zuteil. In Europa hat die öffentliche Hygiene einen historisch nie gekannten Höchststand erreicht. Nicht nur die Gesundheitsbürokratie will den Anblick und den Geruch von Aas aus unserer Erfahrungswelt verbannen. Wir Menschen haben uns organischen Naturprozessen so weit entfremdet, dass schon ein toter Spatz im Garten oft zu hysterischen Entsorgungsaktionen führt.

Die EU-Hygienerichtlinie aus dem Jahre 2002 verbietet es generell, Tierkadaver in der offenen Landschaft zu belassen. Haustiere, die zum Beispiel auf der Weide verenden, verfallen nach Recht und Gesetz einer Tierkörperbeseitigung, so auch Verkehrs-Fallwild von Sau und Reh, das nicht mehr einfach von der Straße weggezogen und der natürlichen Verwertung überlassen werden darf. Zum Glück wachsen überall in Europa die Wildbestände, auch in den Geierbrutgebieten der Alpen und der Pyrenäen, wo nicht jeder abgestürzte Gams und nicht jeder verendete Hirsch gefunden wird oder geborgen werden kann. In Spanien haben sich Naturschützer erfolgreich gegen die Hygieneverordnung zur Wehr gesetzt. Zumindest dort ist es wieder Vieh haltenden Landwirten erlaubt, so genannte „muladares“, Luderplätze anzulegen, die der Geier bei seinem Suchflug finden kann. Fortschritte in der Haltung und Zucht von Geiern schufen in den letzten Jahren die Voraussetzung für ein anspruchsvolles Schutz- und Wiederansiedlungsvorhaben. Dazu gehören die erneute Einbürgerung des Bartgeiers in den Alpen und seine erste erfolgreiche Brut im Jahre 1997, des Gänsegeiers in den Cevennen sowie die Mönchsgeierprojekte sowohl in den Cevennen als auch auf der Urlaubsinsel Mallorca.

Die faszinierend und majestätisch fliegenden Geier sind auf Grund ihrer Lebensweise und Nahrungsbevorzugung bei uns meistens keine Sympathieträger. In einigen Religionen und Hochkulturen galten sie jedoch als Mittler zwischen Leben und Tod.
Im alten Oberägypten war
die Gänsegeier-Göttin „Nechbet“ die wichtigste Gottheit wie auch der kleinere Schmutzgeier, der zum Sinnbild der Mutter- und Elternliebe avancierte – beide fanden wissenschaftliche Forscher im Hieroglyphenalphabet.


Weitere Infos online unter www.

vogelschutzeutin-badmalente.de

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