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Ostholsteiner Anzeiger

17. Dezember 2017 | 09:18 Uhr

Eutin : Geschichten aus dem Ihlpool

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Vorweihnachtlicher Gesprächsabend zur Ausstellung „Du lebst schon lange in Eutin, wenn...“ war ein voller Erfolg.

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2013 | 07:00 Uhr

Erste Abrisspläne stammten von 1930. Der zunehmende Verkehr passte einfach nicht mehr durch das Eutiner Nadelöhr Ihlpool. 39 Jahre später wurde aus den Plänen Realität, der Abrissbagger schaffte Platz für eine neue Verkehrsführung. Die Häuser wurden abgerissen, überlebt hat aber die Verbundenheit von früheren und aktuellen Bewohnern des früheren Vorstadtviertels. Das wurde beim Gesprächsabend zur Ausstellung „Du lebst schon lange in Eutin, wenn...“ der gleichnamigen Facebookgruppe und unserer Zeitung deutlich.

Um 19 Uhr sollte die Veranstaltung beginnen, aber schon um 18.20 Uhr saß die erste Runde zusammen, stellte im Handumdrehen klar, wer wer ist und wer wo gewohnt hat. Einige hatten Bilder mit, andere Bücher oder gar ein Anschriftenverzeichnis von 1939 mit Hausnummern, Namen und Berufen der so genannten Haushaltsvorstände. Als historischer Sachverständiger begleitete der Vorsitzende des Heimatverbandes Eutin, Frank Petzold, den Erzählabend. „Der Ihlpool war die Verbindungsstrecke von Malente nach Plön. Mit seiner dichten Bebauung war er dem wachsenden Verkehr von Kutschen und den ersten Autos nicht gewachsen. 1941 verlangte die Militärverwaltung als erste Maßnahme ein Stoppschild, um die Unfallgefahr zu verringern“, stellte Petzold mit Blick in das Geschichtliche Jahrbuch fest.

Als Harald Girke, Enkel der letzten Bewohnerin des abgerissenen Ihlpools 1, das Anwohnerverzeichnis zitierte, war das der Ausgangspunkt für eine muntere Plauderstunde über das Geschäftsleben zwischen dem Frisör Vogler, der Puppenwerkstatt, der Stellmacherei, dem Hotel Stadt Oldenburg und dem Voß-Haus, dessen Oberkellner am Ihlpool wohnte.

Aber auch die Spielmöglichkeiten für Kinder kamen zur Sprache. „Wir haben auf der Straße Fußball gespielt. An einer Hauswand haben wir ein Tor aufgemalt. Ich stand im Tor und als ich einen Ball zu heftig abgewehrt habe, ist er in eine Fensterscheibe geflogen. Alle sind abgehauen, nur ich bin stehen geblieben, denn mein Vater hatte mir immer gesagt, dass wir zu dem stehen müssen, was wir tun. Und auch, dass sich alles regeln lässt“, blickte Harald Girke zurück.Den Schaden regelte die Versicherung, der Ball konnte auch danach wieder rollen.

Ausweichmöglichkeiten boten der Voßplatz und der Rosengarten, „der war früher voller Bäume.“ Im Winter rodelte jung Eutin den langen Königsberg hinab, am Ihlpool vorbei bis zur Stadtbucht. „Einmal hat es einen Unfall gegeben, da ist ein Junge unter einen Omnibus gerodelt“, erinnerte sich Klaus Schöning, der in der Jugendherberge oberhalb des Ihlpools groß geworden ist und dessen Schulweg durch den Ihlpool führte. Der Unfall wäre um ein Haar das Aus für dessen Beamtenlaufbahn gewesen, weil nach dem Unglück das Bein des Kindes nur eingeschränkt beweglich war.

Mehr Leben und größere Enge zog in den Nachkriegsjahren ein, als die Flüchtlingsströme auch die Einwohnerzahl Eutin nach oben trieben. Eine Bewohnerin erinnerte sich an eine Familie, die mit vier Personen in einer winzigen Mansardenwohnung hauste. Und an einen kriegsversehrten, teilweise beinamputierten jungen Mann, der in einem Durchgangsraum zwischen Wohn- und Schlafzimmer seiner Gastfamilie lebte, der später mit Prothese sogar Schlittschuh gelaufen sei. „Wir sind eben alle dichter zusammen gerückt.“ In der Jugendherberge wurden die Räume mit Wolldecken getrennt. Privatsphäre gab es da kaum. Aber es gab auch Vorteile: „Wir hatten eine eigene Fußballmannschaft“, erinnerte sich Klaus Schöning.

Es gab auch Beziehungen der Ihlpool-Familien zu den englischen Soldaten, die nach dem Krieg in Eutin das Sagen hatten. Hilfreich waren da Sprachkenntnisse und Übersetzerfähigkeiten. So habe es einen englischen Kraftfahrer gegeben, „der immer am Ihlpool eine Panne hatte. Und dabei fiel zufällig ein Fass Butter vom Wagen“.

Immer wieder tauchte der Autoverkehr in den Erzählungen auf. Eine besondere Attraktion sei das Halt-Schild gewesen, berichtete Schöning. Allerdings habe auf der anderen Straßenseite des Öfteren ein Schutzmann registriert, wenn das Schild auf dem eiligen Schulweg - „Ich war meistens spät dran.“ - missachtet worden sei. Nach eineinhalb Stunden ging der vorweihnachtliche Geschichtenerzählabend zu Ende. Die nächste Gelegenheit zum ungezwungenen Klönschnack zu Geschichten aus der Geschichte gibt es am Freitag, den 24. Januar ab 19 Uhr in der Kreisbibliothek. Thema ist dann der Eutiner Marktplatz.

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