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Ostholsteiner Anzeiger

21. August 2017 | 22:11 Uhr

Eutin : Gericht gewährt letzte Chance

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

21-Jähriger ging mit einem Messer auf seinen Bruder und eine 14-Jährige los. Einer 20-Jährigen sprühte er Pfefferspray ins Gesicht

Zunächst einmal wirkte der Angeklagte erleichtert. Nach dem Urteilsspruch gestern vor dem Eutiner Amtsgericht musste er nicht dorthin, wo er herkam: ins Gefängnis. Dort hatte er vier Monate in Untersuchungshaft gesessen. Doch jetzt dürfte die größte Herausforderung für den Angeklagten sein, nicht in alte Verhaltensmuster abzurutschen.

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Otto Witt verurteilte den Eutiner zwar zu anderthalb Jahren Haft wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen, wobei es einmal beim Versuch blieb. Doch das Gericht setzte den Strafvollzug für sechs Monate aus. Hält sich der 21-Jährige in dieser Zeitspanne an Auflagen, wird die Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Konkret: Er muss eine Drogen- und Alkoholtherapie beginnen, ein Anti-Aggressionstraining absolvieren und 100 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten.

Der 21-Jährige hatte vor einer Lokalität in der Eutiner Bahnhofstraße einer damals 20-Jährigen nach einem Streit Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. Das war am 16. August 2014, morgens um 4.15 Uhr. Zwei Monate später wurde der Angeklagte wieder auffällig, diesmal in Malente. Dort ging er nachts um 1 Uhr mit einem Messer auf zwei Menschen los. Erst verletzte er seinen 24-jährigen Bruder an der Hand. Mit den Worten „Dich Schlampe stech ich auch noch ab“, führte er die Waffe dann auch noch in Richtung einer 14-Jährigen. Die Schülerin wollte den beiden Brüdern nach einer Party eigentlich den Weg zum Bahnhof weisen und hatte entsetzt versucht, den Streit zu beenden.

Zwar konnte die junge Eutinerin dem Messerstich ausweichen, das Gericht wertete die Tat trotzdem als versuchte gefährliche Körperverletzung, während es das Verfahren wegen des Angriffs auf den Bruder einstellte: „Wir können nicht ausschließen, dass er sich seinen Bruder nur vom Hals halten wollte“, erklärte Witt.

Das Problem für den Angeklagten: Er war 2013 bereits zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden – ebenfalls wegen Körperverletzung. Deshalb führte jetzt eigentlich kein Weg mehr am Gefängnis vorbei. Doch der junge Mann beteuerte, sein Leben ändern zu wollen, und das Gericht gab ihm eine letzte Chance: „Jetzt haben Sie eine Bringschuld. Es ist jetzt ganz allein an Ihnen, zu beweisen, dass Sie die Kurve kriegen und dass wir nicht falsch gelegen haben“, redete Witt dem Angeklagten ins Gewissen.

Der hatte sich schon während der Verhandlung ziemlich beeindruckt von der Untersuchungshaft gezeigt. Als die Sprache auf den Angriff gegen seinen Bruder kam, konnte der Angeklagte seine Tränen nicht zurückhalten, worauf Witt die Verhandlung kurz unterbrach.

Alle angeklagten Taten waren unter Alkoholeinfluss geschehen. Die Blutproben ergaben Wert von 1,28 und 1,68 Promille. „Wenn er Alkohol getrunken hat, ist mit ihm nicht gut Kirschen essen“, berichtete ein Polizist vor Gericht. Der junge Mann war im Alter von acht Jahren ohne Deutsch-Kenntnisse aus Russland in die Bundesrepublik gekommen. Zwar spricht er jetzt akzentfrei deutsch, doch einen Schulabschluss schaffte er nicht. Mehrere Jahre verbrachte er in Heimen. „Wir berücksichtigen, dass Sie es nicht immer ganz leicht gehabt haben, sagte Witt. Ebenso, dass er sich geständig gezeigt habe.

Obwohl er mit seinem Urteil der Forderung des Staatsanwalts weitgehend folgte, blieben Amtsrichter Witt Zweifel: „Dies ist eines der Urteile, bei denen man nicht nur ein gutes Gefühl hat, weil man die Befürchtung hat, dass es nicht klappt.“ Deshalb gab er dem Angeklagten eine unmissverständliche Warnung mit auf den Weg: „Wenn Sie es jetzt nicht kapieren, gehören Sie wirklich in den Knast.“

 

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erstellt am 16.Feb.2015 | 14:34 Uhr

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