Gericht fällt Urteil im Pflegeheim

Mitarbeiterin der Einrichtung bediente sich mehrfach am Sparkonto einer Bewohnerin / 1200 Euro Geldstrafe sind die Quittung

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08. März 2017, 12:58 Uhr

Sie mag zwar nicht mehr mobil sein. Dass sie aber durchaus nicht auf den Mund gefallen ist, bewies die 88-jährige Bewohnerin eines Pflegeheims, die gestern vor Gericht als Zeugin aussagte. Ungewöhnlich: Die Verhandlung fand nicht im Eutiner Amtsgerichtsgebäude statt, sondern in dem Pflegeheim, in dem die Seniorin lebt.

Bei einem ersten Verhandlungstag vor zwei Wochen hatte sich nicht klären lassen, ob eine Mitarbeiterin des Heims die 88-Jährige um einen hohen Geldbetrag betrogen hatte (wir berichteten). Amtsrichter Otto Witt verlegte die Verhandlung deshalb kurzerhand in das Pflegeheim in einem Ort bei Eutin, um der im Rollstuhl sitzenden Geschädigten eine Zeugenaussage zu ermöglichen.

Für ihn sei es erst das zweite Mal in 37 Jahren, dass er außerhalb des Gerichtsgebäudes verhandelt habe, sagte Witt. Die 88-Jährige nutzte die Gelegenheit, sich gleich bei ihm zu beschweren, dass sie zum ersten Verhandlungstag nicht geladen gewesen sei. Mehrmals musste der Richter die Seniorin energisch bitten, ihn ausreden zu lassen, damit er seine Fragen zu Ende formulieren konnte.

Trotz dieser Schwierigkeiten bezeichnete Witt die Aussage der Frau als überzeugend. „Für mich steht fest, dass das, was Ihnen die Anklage vorwirft, auch so gewesen ist“, erklärte er der Angeklagten, die er wegen Betrugs in acht Fällen zu 120 Tagessätzen verurteilte. Das entspricht bei dem Einkommen der 48-jährigen Hartz-IV-Empfängerin einer Geldstrafe von 1200 Euro, die sie in Raten à 40 Euro zahlen kann.

Die Angeklagte kümmerte sich im Auftrag des Pflegeheims um die Bewohner und ging etwa für diese einkaufen. Die 88-jährige, recht gut situierte Geschädigte hatte der Angeklagten so weit vertraut, dass sie ihr für die Einkäufe die EC-Karte samt Geheimnummer aushändigte. Insgesamt acht Mal bediente sich die Angeklagte jedoch am Sparkonto der Heimbewohnerin und hob dabei zwischen Februar und Juli 2016 jeweils Summen zwischen 1000 und 2000 Euro ab – von 8000 bis 9000 Euro insgesamt war die Rede.

Dass mit der EC-Karte offenbar auch Geld vom Sparkonto abgehoben werden kann, überraschte nicht nur Witt. Auch der Heimbewohnerin war diese Möglichkeit nicht bewusst. Daher habe sie zwar regelmäßig die Auszüge ihres Girokontos kontrolliert, sich aber um ihr Sparkonto nicht weiter gekümmert, erklärte sie. Erst als die Angeklagte auch vom Girokonto unberechtigt 1000 Euro abgehoben habe, sei der Betrug aufgeflogen. „Die Polizei hat dann festgestellt, dass sie auch an meinem Sparkonto war.“

Die Angeklagte hatte die Sachlage am ersten Verhandlungstag etwas anders geschildert. Demnach habe die Heimbewohnerin ihr das Geld aus Dankbarkeit zukommen lassen. An dieser Darstellung hielt die 48-Jährige, der während der Schilderungen der Zeugin immer wieder die Tränen kamen, fest. Es sei auch von Zusammenleben die Rede gewesen. Die Zeugin habe sie und ihren Sohn gar adoptieren wollen.

Die Heimbewohnerin verwies diese Darstellung allerdings mit einem knappen „Ach, i wo“ ins Reich der Fabel. Es habe sich um ein Dienstverhältnis gehandelt. Die Angeklagte habe für sie eingekauft. Was allerdings stimme: Sie habe der Angeklagten nicht nur 500 Euro für den Kauf einer Waschmaschine geschenkt, sondern auch festgelegt, dass diese 10  000 Euro erhalte, wenn sie sich bis zu ihrem Tod um sie kümmere. Das sei aber vertraglich geregelt worden. „Alles, was ich geschenkt habe, hat die Frau von der Bank auch so deklariert“, betonte die 88-Jährige.

Für die Heimbewohnerin dürfte die Verurteilung, obwohl noch nicht rechtskräftig, eine Genugtuung sein. In einem Zivilprozess hatte sie vergeblich auf Schadenersatz geklagt. Die Prozesskosten seien auf mehrere Tausend Euro gestiegen, berichtete die Frau. Da habe sie auf die Durchsetzung ihres Rechts verzichtet.

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