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Ostholsteiner Anzeiger

17. August 2017 | 10:35 Uhr

Geldstrafe für „Augenblicksversagen“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

2000 Euro muss ein 32-Jähriger zahlen, der mit seinem Auto im vergangenen Sommer einen tödlichen Unfall am Süseler Baum verursachte

Mancher Angeklagter scheint allein durch die Folgen seiner Tat schon gestraft. Einen solchen Fall verhandelte gestern das Eutiner Amtsgericht. Dort musste sich ein 32-Jähriger aus Sachsen verantworten, der am 18. September, einem Sonntag, einen tödlichen Verkehrsunfall am Süseler Baum verursacht hatte. Amtsrichter Otto Witt verurteilte den zweifachen Familienvater zu 80 Tagessätzen wegen fahrlässiger Tötung in Verbindung mit fahrlässiger Körperverletzung. Gemessen am Einkommen des Altenpflegers entspricht das einer Geldstrafe von 2000 Euro. Das Gericht folgte mit dem Strafmaß der übereinstimmenden Forderung von Staatsanwaltschaft und Verteidigung.

Der Unfall, den der Angeklagte verursacht hatte, war der letzte von drei schweren Karambolagen, die sich im Sommer vergangenen Jahres an der Kreuzung der Landesstraße 309 und der Gemeindestraße von Middelburg nach Süsel ereigneten. Mit seinem weißen Opel Astra Kombi hatte er die L  309 schon zur Hälfte gequert, als ihm um 14.20 Uhr ein vorfahrtberechtigtes Motorrad in die Beifahrerseite krachte. Auf der schweren Kawasaki saß ein Ehepaar aus Bad Schwartau. Die 59-Jährige starb noch an der Unfallstelle, der heute 64-jährige Fahrer kam per Rettungshubschrauber mit lebensgefährlichen Verletzungen nach Lübeck ins Krankenhaus. Der Rentner und seine Tochter traten als Nebenkläger auf.

Der Angeklagte hatte für den Unfall keine Erklärung. „Ich hab das Motorrad nicht gesehen, habe mich gefragt, wo das hergekommen ist“, berichtete der 32-jährige. Dass das Motorrad in sein Auto gekracht sei, habe er erst erkannt, als er ausgestiegen sei. Er habe damals mit seiner zweijährigen, schwerbehinderten Tochter eine Vater-Kind-Kur in Pelzerhaken gemacht, schilderte der schmächtige Mann. Am Tag zuvor sei das Kind auf den Hinterkopf gefallen und habe sich eine Gehirnerschütterung zugezogen. Deshalb habe er die Nacht gemeinsam mit seiner Tochter in Eutin im Krankenhaus verbracht. Im Moment des Unfalls sei er auf dem Weg nach Timmendorf gewesen, um vor der Rückkehr in die Kureinrichtung mit dem Kind nochmal an den Strand zu gehen.

Eine Zeugin erinnerte sich: „Nicht das auch noch“, habe der Angeklagte am Unfallort gesagt. Den Satz werde sie nicht vergessen. Die Unfallopfer waren damals mehrere Meter durch die Luft geflogen. „Sie haben auf der Straße gelegen, ich konnte da nichts mehr machen“, berichtete die hörbar bewegte Zeugin. Es sollte ein fröhlicher Ausflug werden: „Wir wollten uns einen schönen Tag machen“, schilderte der Motorradfahrer.

Unmittelbar vor dem Unfall sei er nicht schnell gefahren: Tempo 50 bis 60. „Dann sah ich den weißen Wagen und dann krachte es auch schon.“ Der Mann zog sich Rippenbrüche, sowie Verletzungen an Leber, Niere, Milz und der rechten Hand zu. Noch heute habe er Probleme mit den Narben und könne die Hand nicht richtig bewegen, berichtete der gefasst wirkende Zeuge.

Noch während seiner Aussage hatte der Angeklagte sein tiefes Bedauern über den Unfall zum Ausdruck gebracht. „Ich komme selber damit nicht klar“, sagte der Mann mit versagender Stimme. Aufgrund des Unfalls sei er bis heute arbeitsunfähig und in Therapie. Er wünsche sich, dass sie irgendwann Ruhe fänden, wie er sich das auch für sich selbst wünsche, sagte er mit Blick auf die beiden Nebenkläger.

Von einem „Augenblicksversagen“ sprach der Vertreter der Staatsanwaltschaft, Michael Bertram, in seinem Plädoyer. Ein angemessenes Strafmaß sei schwer zu finden. „Ich sage nicht, dass ich damit den Nagel auf den Kopf getroffen habe und weiß auch, dass ich Ihnen damit nicht den Seelenfrieden verschaffe“, sagte er in Richtung der Nebenkläger zu seiner Forderung. Richter Witt hielt dem Angeklagten zu Gute, dass er bis zum Unfall unbescholten gewesen sei und keine Ausflüchte gesucht habe.

Der Unfall sei eigentlich nicht erklärbar. „Trotzdem passiert so etwas immer wieder, trotzdem machen Menschen Fehler“, sagte Witt und wies in seiner Urteilsbegründung noch auf einen anderen Aspekt hin: „Der Süseler Baum ist eine gefährliche Kreuzung.“ Dafür habe er zwar keine schlüssige Erklärung. Doch klar sei, dass der Angeklagte nicht der erste sei, dem die Unfallstelle zum Verhängnis geworden sei.

Das Urteil ist rechtskräftig. Alle Beteiligten erklärten den Verzicht auf Rechtsmittel.

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von
erstellt am 03.Apr.2017 | 12:49 Uhr

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