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Gebet als muslimisch-christliche Achse der Hoffnung

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

shz.de von
erstellt am 29.Mai.2017 | 13:00 Uhr

„Ich meine, dass es in die Zeitung muss und alle Freunde und ehemalige Kunden diese Worte lesen sollten,“ sagt Andrea Schünemann aus Sagau. Sie meint einen Nachruf, den Pfarrer Felix Evers für den Eutiner Friseur Mario (Foto) verfasst hat. Evers war von 2001 bis 2005 in Eutin. Er schrieb:

Viele haben in Eutin den Weg zu „ihrem Friseur“ Mario gesucht und ihm die Treue gehalten, egal wo er als Coiffeur um Kunden warb: Beim Voßhaus, am Bahnhof oder nahe dem Rathaus. Als ich von 2001 bis 2005 Kaplan in Eutin war, habe ich Mario kennengelernt – und er wurde nicht nur mein Friseur, sondern mein Freund. Mit der Freundschaft ist es heute so eine Sache; wir benutzen diesen Begriff schon dann, wenn uns im Internet jemand inhaltlich folgt. Ich benutze den Freundschaftsbegriff „altmodisch“ – wohl wissend, dass es vom Lebensende her nur wenige dauerhafte Freunde geben wird, denen wir uns im Vertrauen geöffnet haben und unser Herz ausschütten konnten. Mario war gläubiger Muslim.

Nach dem 11. September 2001, kurz nach meinem Umzug nach Eutin, habe ich mit meiner Jugendgruppe und meinen Religionsschülern der Wisser-Realschule und des Voßgymnasiums einen Friedensweg begonnen. Wir haben Zeitzeugen besucht, die uns konkret erzählen und authentisch vorleben konnten, wie sie den Frieden im Alltag umsetzten. Oft trafen wir uns dazu ökumenisch und interreligiös im indischen Restaurant „Himalaya“, weil der damalige Besitzer Arshad Seeker ein Muslim ist. Auch Mario war dabei. „Wie lebst Du als Muslim in Eutin Deinen Alltag?“ Diese Berichte der verschiedenen Glaubenszeugen ergaben in ihrer Summe ein Mosaik von wertvollen religiösen Erfahrungen; ein „Glaubensteppich“, dessen Webmaterialien kein Terrorist zerstören kann. Wir lernten andersdenkende Menschen unserer Heimatstadt Eutin tiefer kennen, denen wir täglich begegneten, so dass ein neues Vertrauen entstand.

Unvergessen unser multireligiöser Kindergottesdienst in der katholischen Kirche Sankt Marien, in dem auf einer riesigen Weltkarte Eutiner ihren Heimatort mit einer Stecknadel kennzeichneten und in ihrer Heimatsprache ein Lied anstimmten: Das ist unsere Weltstadt Eutin! Und Mario in seiner stillen, zurückhaltenden, herzlichen, tiefen, innigen Art war dabei. Und er strahlte, als ich ihn einmal selbstverständlich im Krankenhaus besuchte: Ein katholisch-muslimisches Krankengebet haben wir beide erfunden! Dass wir füreinander beten würden, war nach meinem Umzug 2005 nach Ratzeburg und 2014 nach Neubrandenburg klar. Und dieses Gebet als muslimisch-christliche Achse der Hoffnung hat mich getragen.

Mario wurde Ende des letzten Jahres sehr krank. Nun ist er von uns gegangen und am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt muslimisch in Lübeck-Kücknitz bestattet worden. Einfach nur ein „weiterer Todesfall“? Einfach nur ein leer stehender Friseurladen in der Innenstadt? Nein, lieber Mario: Du weißt, dass viele Menschen mit Deiner Hilfe den Islam als friedliche Religion kennengelernt haben. Dir konnten wir vertrauen! Und wir werden beim nächsten Friseurbesuch in den Spiegel schauen und einen Augenblick lang denken, dass Du es bist, der uns liebevoll die Haare schneidet. Du wirst in Eutin und weit über die Rosenstadt hinaus immer einen Platz in unseren Herzen haben. Salam, Mario!

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