Gar nicht abergläubisch

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20. Juni 2018, 15:22 Uhr

Wahrscheinlich alles nur, weil sich mein angeheirateter Cousin geweigert hatte, das Käppi in Nationalfarben vor der Glotze aufzusetzen. Darum ist es möglicherweise schief gegangen mit dem Runden ins Eckige. Und dabei hatte sich meine Cousine als Ausgleich sozusagen die schrecklich kratzende schwarz-rot-goldene Blumengirlande mehrfach um den nackten Hals gewunden.

In fußballerischen Notzeiten setzt unsere Familie gerne auf mystische Verquickungen. Ich zum Beispiel sollte mal ein gesamtes Endspiel auf dem Örtchen verbringen, weil immer dann ein Tor für unsere Mannschaft fiel, wenn ich gerade vor Aufregung musste. „Bleib’ wo du bist!“, schallte es damals vielstimmig und abergläubisch von der Fernsehcouch. Ich durfte nur um die Ecke linsen.

Andere waschen ihr Weltmeister-T-Shirt nicht oder leben ohne Tageslicht, weil die deutsche Flagge quer vor den Fenstern hängt. Na ja. Ich habe auch noch den kleinen Fußball-Steppke aus dem Fernsehen im Ohr, der behauptete, der mexikanische Torwart habe unten in den Ecken Schwachstellen.

Also, das war ja nun nicht so. Auf Experten-Vorhersagen ist eh’ kein Verlass. Uns bleibt nur die Hoffnung. Wenn die Generalprobe ins Wasser fiel, dann wird es schon... Und wenn nicht, dann genießen wir einen still ausklingenden Samstagabend. An uns liegt es diesmal jedenfalls nicht. Der angeheiratete Cousin wehrt sich nicht länger. Heute hat er die Kappe auf.

Die Verantwortung war ihm dann doch zu groß. Allerdings hängt die Blumengirlande jetzt am unempfindlichen Hals des Porzellanhundes meiner Cousine. Wenn das mal gut geht... Manuela Boller

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