zur Navigation springen

Eutin : „Fürs Rumsitzen bin ich nicht geflohen“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Bahaa Almohamad (28) schaffte es binnen eines Jahres, gut Deutsch zu lernen und einen Job zu bekommen – und er hat sich noch sehr viel vorgenommen

von
erstellt am 31.Dez.2016 | 18:30 Uhr

„Holt mal eure Zettel von der letzten Stunde raus“, sagt Lehrer Robert Schiro. Während er beginnt, einen Kreis an die Tafel zu malen, spricht Bahaa Almohammad mit den Schülern der DaZ-Klasse („Deutsch als Zweitsprache“) und erklärt, was Schiro von ihnen will und was Inhalt dieser Stunde sein wird. „Die Voraussetzungen sind in einer solchen Klasse sehr verschieden und gerade die Afghanen stehen sehr unter Stress wegen der Angst, abgeschoben zu werden. Das wirkt sich sehr auf die Konzentration im Unterricht aus“, weiß Schiro.

„Bahaa ist uns wirklich eine große Hilfe“, sagt der Schulsozialarbeiter der Kreisberufsschule an der Holstenstraße und fügt hinzu: „nicht nur im Unterricht“.

Der 28-jährige Schulassistent freut sich über solches Lob. Er macht seine Arbeit gern – und er hat sie sich hart erarbeitet. Bahaa Almohammad ist seit genau einem Jahr und zwei Monaten in Deutschland, die meiste Zeit davon in Eutin. „Was er in der Zeit erreicht hat, ist Wahnsinn und macht uns glücklich zu sehen“, sagen Integrationshelfer der Stadt. Bahaa Almohammad sprach ständig bei Flüchtlingskoordinatorin Sophia Schutte vor. „Ich möchte einen Sprachkurs machen, ich möchte lernen, ich möchte arbeiten“, erinnert er sich. Denn er wollte vor allem eines nach seiner Flucht aus Syrien nicht: Rumsitzen. „Das bin nicht ich. Fürs Sitzen und Nichtstun bin ich nicht aus meinem Heimatland geflohen, dafür habe ich Familie und Freunde nicht zurückgelassen“, sagt Bahaa Almohammad. Er hat Englisch und Literatur in Aleppo studiert, dort auch zwei Jahre unterrichtet, „bis die Umstände zu schwierig wurden“, sagt er und meint den Krieg. Über all seine schlechten Erinnerungen daran und die Flucht, die 18 Tage dauerte und ersparte und geliehene 3500 Euro auffraß, will er nicht sprechen.

„Alle Welt weiß, was in Aleppo passiert.“ Es würde ihn zu sehr aufwühlen. Seine Mutter habe immer gesagt „Bahaa, du wirst deinen Weg machen“, und sie habe ihn gehen lassen – eines von insgesamt neun Kindern, eines, das studiert hat, eines, von dem sie wusste: „Hier rumsitzen und warten, dass der Krieg aufhört, ist nicht deine Welt, Bahaa“.

Das sieht der 28-Jährige heute auch so. Per Whatsapp berichtet er ihr von seinem Leben in Deutschland und hört von ihrem Leben ganz weit weg – etwa 30 Kilometer von Aleppo.

Er hatte Deutschland nicht von Anfang an als Ziel vor Augen, als er floh. „Ich wollte nach Europa, dorthin, wo es Rechte für Menschen gibt, die eingehalten werden und Meinungs- und Redefreiheit. Und das gibt es hier wirklich. Das steht hier nicht nur auf dem Papier, was sich Gesetz nennt“, sagt er.

Als dieser junge Mensch schließlich in Schleswig-Holstein voller Hoffnung ankam und in einer der Baracken im Eutiner Lindenbruchredder landete, war er geschockt. „Ich habe nicht gedacht, dass Deutschland das Paradies ist, solche Gedanken sind Schwachsinn. Aber was ist das für ein Platz zum Wohnen?“ Er wollte unbedingt da raus und wusste: „Ich muss lernen und ich brauche Arbeit.“ Er beantragte die notwendige Erlaubnis für einen Sprachkursus in Lübeck, denn in Eutin war kein Platz im Integrationskurs frei – zumindest nicht so schnell, wie er ihn belegen wollte. Als er die Genehmigung in den Händen hielt, wusste er, ein erster Schritt ist geschafft. „Die tägliche Fahrt von und nach Lübeck, der Kontakt mit Menschen, all das hat mir gezeigt, ich bin am Leben, es geht voran und es tut sich was.“ Die Wintermonate am Anfang seien hart gewesen, besonders weil ein lieb gewonnener Freund plötzlich im Lindenbruchredder verstorben war. „Das war eine schwere Zeit für mich. Die Nächte waren am schlimmsten. Ich legte mich hin, machte kein Auge zu. Meine Gedanken kreisten, ich war verzweifelt.“ Jeden Morgen, an dem er merkte, dass er noch lebte, ging er hinaus, suchte Kontakt zu anderen Menschen – zum Leben in der Welt, in der er jetzt war. „Das hat mir geholfen. Es gibt so viele nette Menschen hier und so viele Angebote für Flüchtlinge. “

Den Kontakt zu den Unbekannten suchen, das könne er Flüchtlingen wie Deutschen nur empfehlen: „Es hilft uns nicht, wenn wir beide unser Herz zumachen. In Syrien ist nun mal Krieg und wir wissen nicht, wie lange das noch so geht. Da können wir Flüchtlinge doch jetzt nicht einfach aufhören zu leben. Wir sollten zusammen mit den Menschen hier versuchen, das Beste daraus zu machen, denn für den Moment leben wir gemeinsam in diesem Land.“

Je besser er die Sprache konnte, desto mehr engagierte er sich für andere Neuankömmlinge, begleitete sie auf Behördengänge oder zu Ärzten, übersetzte Papiere von Verwaltungen oder Verbänden in seine Muttersprache. Seinen B1-Kurs absolvierte der 28-Jährige mit voller Punktzahl in allen Bereichen. Den Job als Schulassistent bekam er vertraglich zugesichert auf ein Jahr. Er hofft, dass es danach weitergeht. „Ich habe mich gefreut, endlich von meiner Arbeit leben zu können. Das Geld des Jobcenters ist nett, aber ich will keine Geschenke. Ich will für mich selbst sorgen können“, sagt der 28-Jährige. Und das kann er nun. Aus dem Lindenbruchredder ist er im Sommer ausgezogen. Jetzt sucht er eine eigene Bleibe und hofft, dass es das Schicksal weiter gut mit ihm meint.

„Wenn ich zurückblicke auf mein Jahr, freue ich mich über das, was ich erreicht habe, aber ich habe auch noch viel vor“. So steht er kurz vor seiner praktischen Fahrprüfung für einen Führerschein. Und er hat sich für nächstes Jahr in Kiel zum Studium angemeldet. Damit er richtig in Deutschland unterrichten könne, fehle ihm noch ein zusätzliches Fach, das will er nachholen. „Und ich möchte noch besser sprechen können: B2 und danach C1. Das ist mein Ziel.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen