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Ostholsteiner Anzeiger

22. August 2017 | 21:11 Uhr

Fünf HIV-Schicksale im Jahr

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Gesundheitsamts-Beraterinnen erleben Menschen zwischen Angst und Erleichterung / Infostand am heutigen Welt-Aids-Tag im Holstentörn

Das Testergebnis, sie muss es ihnen ins Gesicht sagen: HIV-positiv. „Am Anfang“, erzählt Birgit Bäder ganz direkt, „hatte ich Durchfall und Angst.“ Sie legt die Hände auf die Wangen, denkt nach und sagt: „Dabei haben die Menschen das Leid, nicht ich.“

Mittlerweile hat die Diplom-Sozialarbeiterin eine Routine entwickelt. 30 bis 40 der Hiobsbotschaften, schätzt die 58-Jährige, hat sie in den 23 Jahren im Kieler Gesundheitsamt verkündet. Täglich erleben Birgit Bäder und ihre Kollegin Lena Stender (34, Diplom-Sozialpädagogin) Menschen mit Ängsten – und ganz oft Erleichterung. Von rund 500 HIV-Tests im Jahr fällt etwa ein Prozent positiv aus. „Das ist wenig“, sagt Birgit Bäder.

Das bedeutet aber auch: Jedes der Schicksale bleibt besonders in Erinnerung. Da war dieser junge Mann, keine 20 Jahre alt, der für seine neue Verlobte einen Test machen wollte. In der Beratung berichtete er von einer kurzen Affäre aus der Vergangenheit. Ein oder zwei Mal habe er mit einer jungen Frau geschlafen. Ungeschützt. Dennoch, mit dem positiven Test-Ergebnis hatte auch Birgit Bäder nicht gerechnet: „Das war ganz bitter.“

Da war ein Mann Ende 20, homosexuell. Er führte ein ausschweifendes Party- und Drogen-Leben mit vielen Sex-Abenteuern. Der Mann hatte eindeutig ein erhöhtes Risiko, dessen war er sich bewusst. „Als der Test positiv ausfiel, war er gefasst“, erinnert sich Birgit Bäder. „Er hatte fast damit gerechnet.“

Birgit Bäder und Lena Stender blicken in viele menschliche Abgründe, ohne diese zu bewerten oder zu verurteilen. Sie erleben oft Scham und Schuldgefühle, weil die Klienten sich und andere beim Sex wider besseres Wissen nicht geschützt haben. Weil sie ihre Partner und Partnerinnen betrogen haben. Weil sie bisexuelle oder schwule Vorlieben haben – aber nur heimlich.

„Oft kommen sie recht verklemmt zu uns“, erzählt Lena Stender, die seit vier Jahren dabei ist. Ein Mann sei für den Test eigens aus einem Dorf von der dänischen Grenze nach Kiel gefahren – aus Angst, sonst entdeckt zu werden. Das Einzugsgebiet erstreckt sich nicht nur auf die Landeshauptstadt und die nähere Umgebung.

Zu den Tests kommen gleich viele Männer wie Frauen, berichten Birgit Bäder und Lena Stender. „Oft haben wir hier vergewaltigte Frauen, die Opfer von KO-Tropfen geworden sind“, berichtet Birgit Bäder. Von mindestens fünf Fällen im Jahr geht sie aus. Einem neuen Phänomen versucht Lena Stender gerade auf die Spur zu kommen: Frauen, die sich mit professionalisierten „Aufreißern“ eingelassen haben. Gerade erst hatte sie ein Gespräch mit einer jungen Frau, die herausfand, der Mann, der sie um den Finger gewickelt hatte, hatte sich mit falscher Identität an sie herangemacht.

Noch keiner einzigen Frau musste sie allerdings bisher einen positiven Befund mitteilen. Doch ob Mann oder Frau – die Erleichterung, wenn alles in Ordnung ist, kennt keine Grenzen. „Dann kommen die Tränen“, erzählt Birgit Bäder. Oft werden sie und ihre Kollegin umarmt. Besonders froh sind beide, dass sie jetzt einen Schnelltest anbieten können. Der reagiert so empfindlich, dass man das Ergebnis direkt vor Ort abwarten kann. Beim klassischen Test dauert es eine Woche. Für viele eine qualvolle Zeit.

Am heutigen Welt-Aids-Tag drücken viele Menschen mit roten Schleifen ihre Solidarität mit den Erkrankten aus. Auch die städtische Beratungsstelle für sexuelle Gesundheit und die Aids-Hilfe Kiel zeigen „Schleife“. Mitarbeiter beider Einrichtungen beantworten von 9.30 bis 18 Uhr im Holstentörn vor Karstadt Fragen zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen.

> Kontakt: Amt für Gesundheit – Beratungsstelle für sexuelle Gesundheit, Fleethörn 18, 24103 Kiel, Tel: 0431/901-6666, E-Mail: sex-aber-sicher@kiel.de; www.kiel.de/sex-aber-sicher. Sprechzeiten und Tests: Mo. (9.30 bis 13.30 Uhr), Do. (13 bis 16 Uhr) u. nach Vereinbarung. Gespräche sind anonym u. vertraulich.

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erstellt am 30.Nov.2014 | 17:07 Uhr

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