Ostholstein : Front gegen die „gelbe Gefahr“

Imker und Wissenschaftler planen die Studie zu Toxinen im Honig: (v.li.) Manfred Gareis (Universität München), Angela Schulenburg (Interessengemeinschaft), Christoph Gottschalk (Universität München) und Rainer Korten (Interessengemeinschaft).
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Imker und Wissenschaftler planen die Studie zu Toxinen im Honig: (v.li.) Manfred Gareis (Universität München), Angela Schulenburg (Interessengemeinschaft), Christoph Gottschalk (Universität München) und Rainer Korten (Interessengemeinschaft).

Interessengemeinschaft Jakobskreuzkraut will eine längst überfällige Studie gegen giftige Pflanze durch Spenden finanzieren.

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22. Mai 2015, 11:29 Uhr

Wieviel Gefahr geht von Pyrrolizidinalkaloiden (PA) für Mensch und Tier aus? Auf die Frage gibt es noch keine seriöse Antwort, aber die erst im April in Eutin gegründete „Interessengemeinschaft Jakobskreuzkraut – Naturschutz ohne Verlierer“ hat
eine Reihe von Schritten unternommen, die zu mehr Klarheit führen sollen. Dazu zählt – wie berichtet – die vermutlich erste regionale Studie über den PA-Gehalt in Honig aus Ostholstein im Zug einer Doktorarbeit.

70 Interessierte kamen vergangene Woche ins Vereinshaus der Eutiner Schützengilde zu einer Informationsveranstaltung der Interessengemeinschaft. Dabei wurden sowohl der bisherige Kenntnisstand als auch Forschungsprojekte und Ziele erörtert.

Dr. Christoph Gottschalk, Experte für Lebensmittelsicherheit an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, stellte klar, dass der in Schleswig-Holstein angenommene Grenzwert von 140 Mikrogramm PA als Tagesdosis zu „hoch gegriffen“ sei. Und es fehlten Studien über PA im Honig, die das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) bereits 2011 gefordert habe.

Die erste regionale Studie wird im Rahmen einer Doktorarbeit in Ostholstein stattfinden, kündigte Professor Dr. Manfred Gareis vom Lehrstuhl für Lebensmittelkunde der LMU an. 10  000 Euro wird diese Studie kosten, und die Interessengemeinschaft will das Geld durch eine Spendensammlung aufbringen. Dieses Crowdfounding (zu Deutsch: Schwarmfinanzierung) für eine wissenschaftliche Studie sei auch ein Novum, stellte Gareis fest.

Ziel der Interessengemeinschaft sei es, Öffentlichkeit und Politiker für die die Brisanz, die hinter der Ausbreitung des Jakobskreuzkrautes (JKK) und anderer PA-haltiger Pflanzen stecke, zu sensibilisieren, erklärte Dr. Angela Schulenburg. Dazu gehöre es auch, belastbare Daten über die Auswirkungen des JKK in der Natur zu gewinnen. Neben der Doktorarbeit der LMU sei man auch in Kontakt mit den Universitäten in Rostock und Kiel, um dort Studien zu Auswirkungen auf landwirtschaftliche Nutztiere und die Biologie des JKK zu unterstützen.

Mit dieser Strategie – in einem Verbund aus unterschiedlichen Interessengruppen rund um das JKK – beschreite man neue Wege, ergänzte Rainer Korten, Imker und Mitbegründer der Interessengemeinschaft. Von den verständlichen Ängsten vor den möglichen Ergebnissen müsse man sich befreien, wenn man stichhaltige Argumente gegen das JKK erhalten wolle.

Der Hobbyimker warb eindringlich für die Teilnahme an der Studie. Bei der will der Doktorand Matthias Zimmermann bis 2016 in Ostholstein nicht nur Proben von Honig
direkt aus Bienenstöcken ziehen, er habe auch Interesse an Leberproben von Wild und Nutztieren von Feldern mit großen JKK-Vorkommen. Diese Proben seien „hoch interessant“, weil die Leber als „biologischer Filter“ gute Auskunft über die Anreicherung der Toxide in Organismen gebe, so Gareis. Bislang fuße die Errechnung des PA-Grenzwertes nur auf einer zweijährigen Studie an Ratten aus Australien.

PA stellen nach Gottschalk besonders in Kräutertees und Honig ein Problem für den Verbraucher dar. Der bislang einzig bekannte Todesfall in Deutschland sei ein Säugling mit Leberversagen, dessen Mutter über einen langen Zeitraum einen PA-belasteten Kräutertee getrunken habe. Beim Tee habe man die Probleme aus Sicht der Lebensmittelsicherheit mittlerweile im Griff.

Anders sei es beim Honig. Hier seien kurioserweise besonders die gesundheitsbewussten und regional orientierten Verbraucher betroffen. Eben die, die immer den gleichen Honig vom benachbarten Imker verzehren.

Bei einer Studie seien in 90 Prozent der Proben aus dem Supermarkt PA nachgewiesen worden. Die Menge sei aber relativ gering gewesen. Das liege an der industriellen Verarbeitung, bei der viele Honige vermischt und extreme PA-Werte aus Import-Honig „verdünnt“ würden.

Bei regionalen Honigen werde die Gefährdung durch PA unterschätzt. Auf jeden Fall seien 140 Mikrogramm zu viel, sagte Gareis weiter. Nach seinen Berechnungen müsste der Grenzwert zum Schutz von Kindern bei 15 Mikrogramm liegen; für Honigliebhaber, die schnell auf drei Honigbrote am Tag kämen, gar bei nur zehn Mikrogramm. Beim Verzehr von Pollen, die vielfach in der Homöopathie eingesetzt werden, riet der Wissenschaftler zu besonderer Vorsicht. Hier müsse die Ernte bis zur Blüte des JKK abgeschlossen sein, da der PA-Gehalt 100 Mal höher sei als im Honig. Mit der Bekämpfung des JKK dürfe nicht mehr gewartet werden. Diese Überzeugung der Zuhörer wurde an dem Abend während der Diskussion nach den Vorträgen deutlich. Warten auf Forschungsergebnisse gebe der ungeliebten Pflanze nur noch mehr Zeit, sich auszubreiten.

Das Verhalten der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, das nach Auffassung vieler wesentlich zur landesweiten Ausbreitung des JKK geführt habe, nannte Rainer Korten eine Strategie des Nichtstun, die gescheitert sei – und er erntete dafür Applaus. Nicola Brockmüller, Pressesprecherin der Stiftung, kündigte an, dass die Stiftung eine Forschungsinitiative zur mechanischen und biologischen Bekämpfung des JKK gestartet habe.

Willi Latendorf, seit Jahren Mahner gegen JKK, warnte eindringlich vor dem Einsatz von Insekten zur Reduzierung der Pflanze. Die Raupen des Jakobskrautbären, auch Blutbär genannt, seien derart gifthaltig, dass Singvögel nach dem Verzehr nur weniger Larven verendeten. Am Middelburger See habe es einen Rückgang von Singvögeln durch das Vorkommen des Falters und seiner Larven gegeben.

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