Freundlich geht anders

shz.de von
07. Januar 2015, 09:37 Uhr

Als Mutter eines Kleinkindes bin ich einiges gewohnt: Alte Damen, die meinen weinenden Sohn an der Supermarktkasse fragen, ob seine Mama ihm nichts zu essen gebe, fremde Menschen, die ungefragt versuchen, in das Gesicht eines noch wehrlosen Kindes zu grabschen. Mit feinen Antennen lernte ich mit der Zeit, diese Gefahren des Alltags zu umschiffen. Jetzt ist mein Sohn fast zwei Jahre und durchaus öffentlichkeitstauglich: Er kann selbst essen, sich verständlich machen und hat echt Humor. Zusammen mit einer Freundin und deren vierjährigem Sohn sind wir kurz vor Silvester zu einem Strandspaziergang aufgebrochen. Die Jungs haben wir mit Kuchen überredet, uns zu begleiten. So weit, so gut. Doch was wir nach dem wirklich tollen Spaziergang mit Shanty-Begleitung anschließend in einem Haus mit Kaffee und Kuchen erlebten, toppte unsere bisherigen Erfahrungen mit Kind. Als wir noch zwei Stühle an einen Tisch schieben wollten, um vier Plätze zu haben, wurden wir vertröstet: „Wenn Sie fünf Minuten warten, wird da hinten einer frei.“ Weshalb wir nicht an dem anderen Tisch sitzen sollten, ist mir bis heute nicht klar. Wir warteten, suchten uns Kuchen aus und aßen – streng beobachtet von Tochter und Mutter, vermutlich die Ladeninhaber. Dann suchte die Tochter anscheinend einen Grund, um uns genauer zu sehen und schob die Stühle am Nachbartisch – die wirklich ordentlich standen – noch ordentlicher. Als sie sah, dass mein Sohn mit seinen Händen an der für ihn interessanten Tischdecke nestelte, trennten ihre Finger seine blitzschnell vom Stoff mit den Worten: „Na Freundchen, das ist aber meine!“ Vielleicht sollten so eingestellte Gastgeber ein Kinder-Verboten-Schild an ihrer Tür anbringen. Hunde waren hier übrigens erlaubt.

Constanze Emde

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