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„Freud und Leid liegen dicht beieinander“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Etwa 30 ehrenamtliche Betreuer helfen bei der Integration von Flüchtlingen in der Plöner Gemeinschaftsunterkunft / Hohe Bandbreite von Gefühlsschwankungen

Ute Möhring dreht an den roten Zeigern einer Spielzeug-Uhr. „Es ist 11.30 Uhr“, sagt die 69-jährige Rentnerin aus Plön zu einem jungen, aufmerksamen Mann neben ihr am Tisch geduldig. Der Syrer ist Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft des Kreises Plön in der Rautenbergstraße und lernt gerade mit einigen anderen die Uhrzeit in deutscher Sprache kennen. Mit Ute Möhring engagieren sich dort etwa 30 meist ältere Plöner als ehrenamtliche Helfer, die den derzeit 46 Flüchtlingen die Integration in Plön erleichtern.

Sie kommen aus Somalia, Eritrea, Afghanistan und Albanien. Es sind Kurden und Jesiden aus dem Irak oder Kurden aus Syrien. Sie sprechen Tigrinya, Somali, Kurdisch, Arabisch, Albanisch, Farsi oder Pashtun – eine ziemlich große Sprachenvielfalt. Im Alltag wird in der Gemeinschaftsunterkunft mit „Händen und Füßen“, auf Englisch oder auch mal auf Italienisch gesprochen. „Bei dringenden Sachen kommt ein Dolmetscher“, sagt Martina Bergmann, die Leiterin der Gemeinschaftsunterkunft in Plön. Unter den Bewohnern sei die gegenseitige Hilfsbereitschaft sehr groß.

Viele tausend Kilometer von der Heimat treten in Plön die kriegerischen Auseinandersetzungen beim Zusammenleben in Deutschland in den Hintergrund. Die Nachricht von einem getöteten Angehörigen betrübt alle, während die Nachricht von der Zustellung eines Reisedokumentes alle Mitbewohner gemeinsam erfreut. Mitten in dieser Bandbreite von Gefühlsschwankungen arbeiten die etwa 30 Ehrenamtler unter der Leitung von Michael Paul. Der 49-jährige Trainer und Coach aus Plön hat wie viele andere seiner Mitstreiter auch der Stadt Plön Hilfe für die Flüchtlinge angeboten. „Die wurde allerdings nicht abgerufen“, schüttelt Michael Paul den Kopf. Eigentlich wollte er in der Gemeinschaftsunterkunft nur eine Kleiderspende abgeben. Jetzt organisiert er dort die erste eigene Kleiderkammer und beginnt in der nächsten Woche mit einer Supervision, denn es gibt schon viele Schock-Momente bei den Ehrenamtlern über die Geschichten der Flüchtlinge, die zwischen sechs und acht Wochen in der Gemeinschaftsunterkunft bleiben und dann Wohnraum in den Städten und Gemeinden zugewiesen bekommen. Für Michael Paul ist das Vertrauen der Bewohner ein schönes Geschenk.

Mit dabei auch Raimund Paugstadt von der Initiative Schönes Plön. Er integriert junge Flüchtlinge beim Sport im TSV Plön. Sie schauten so interessiert beim Leichtathletik-Training zu und wurden von den Sportlern sofort in ihren Reihen aufgenommen.

„Wir haben aber auch auf der Biberhöhe bei der gemeinsamen Arbeit Integration geleistet“, sagte der 62-jährige Paugstadt. Sechs Flüchtlinge boten ihre Hilfe an, zeigten sich freundlich, hilfsbereit, herzlich und bescheiden. Raimund Paugstadt gibt diese Hilfe jetzt gern zurück und hat sich für seine neuen Freunde nun um unbezahlte Praktikumsplätze gekümmert. Und gefunden. Probleme allerdings gibt es mit der aktuellen Gesetzeslage: Die Männer müssen nämlich zunächst drei Monate in Deutschland leben, bevor sie ein Praktikum antreten dürfen. Paugstadt gibt nicht auf.
Sonst hilft Karl-Heinz Appel schon seit Jahren bei der Plöner Tafel. Beim Aquajogging im PlönBad hatte der 69-Jährige einige über die Bewegungen im Wasser staunende Eritreer entdeckt. „Ich habe sie gleich zum Mitmachen eingeladen“, schmunzelt er. Seither sind die Eritreer fast jedes Mal beim Aquajogging im PlönBad dabei. Daneben treffen sie Karl-Heinz Appel in der Kleiderkammer an. In der Plöner Gemeinschaftsunterkunft will er einen Verein Förderkreis Integration gründen und damit Tür und Tor für Spenden öffnen: „Hier ist neben materiellen Dingen auch Geld erforderlich.“ Appel hat viel Erfahrungen beim deutsch-estnischen Freundeskreis gewonnen.

Die ehemaligen Plöner Floristen Ute und Peter Möhring sind über einen OHA-Artikel auf die Gemeinschaftsunterkunft aufmerksam geworden. „Wir helfen unseren Gästen hier spielend beim Erlernen der deutschen Sprache“, sagt die 69-jährige Ute Möhring. Und Ehemann Peter Möhring ergänzt: „Das Erlernen der arabischen Sprache würde uns auch schwerfallen.“ Die Möhrings können nur jedem Interessierten einen Besuch in
der Gemeinschaftsunterkunft empfehlen: „So können Vorurteile und Ängste abgebaut werden, die die Plöner Bevölkerung in Teilen immer noch hat.“ Sie freuen sich über eine große Gastfreundschaft in den Zimmern der Gemeinschaftsunterkunft. Betroffen sind die Möhrings von den vielen privaten Geschichten und die angekündigte Dauer der Bescheidung der Asylanträge von bis zu sieben Monaten. „Manchmal nehmen wir unsere Gäste einfach nur in den Arm“, ist Peter Möhring gerührt, denn: „Freud und Leid liegen hier ganz dicht beieinander.“

Seit eineinhalb Jahren kümmert sich der 63-jährige Klaus Herforth aus Plön als ehrenamtlicher Betreuer des Amtsgerichts besonders um ältere Menschen. „Mich treibt die Nächstenliebe an“, sagte er. Herforth gibt Deutschunterricht und arbeitet nebenher auch noch für die Tafel. Fridjof Ahlbory aus Plön hilft den Bewohnern mit einer Freizeitgruppe. „Wir kochen gemeinsam mit meiner Frau“, freut sich der 58-jährige Schulleiter. Und es steht schon jetzt fest: einen Bewohner wird er weiterhin als Paten begleiten. Ahlbory: „Das Vertrauen der Flüchtlinge ist das größte Geschenk.“

So entstehen viele persönliche Bindungen mit den Gästen aus den kriegsgeschüttelten Ländern. Die 71-jährige Ute Gollnau aus Plön liest bereits seit zwölf Jahren im „Vitanas“-Altenheim am Parnaß und wollte einfach nur helfen. „Ich helfe hier bei der Ausgabe der Kleider und beim Deutsch-Unterricht – ohne Angst und Vorbehalte“, strahlt sie. Und die 74-jährige Edith Jungmann aus Wittmoldt nimmt die jungen Flüchtlinge gemeinsam mit Ehemann Horst Jungmann zum Musical nach Rixdorf oder auch mal zu einem Handball-Spiel des THW Kiel mit. „So lernen die jungen Flüchtlinge am besten unsere Kultur kennen“, weiß Edith Jungmann.

„Wir haben hier in Plön so viele Grauköpfe“, schmunzelt die 68-jährige Cornelia Werntgen aus Plön. Sie bemüht sich darum, junge Menschen mit den Flüchtlingen zusammen zu bringen und ihnen Deutsch beizubringen. „Die ehrenamtliche Arbeit hier ist so wohltuend und erfrischend“, freut sie sich.

Einrichtungsleiterin Martina Bergmann ist sehr zufrieden über die mittlerweile vielen privaten Kontakte ihrer Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft nach Plön hinein. Sie helfen Plönern bei der
Gartenarbeit, die mit Kuchen für alle oder einem gemeinsamen Einkauf auf dem Wochenmarkt gedankt wird. „Die Männer sind in ihrer Arbeitsintensität oftmals nicht zu bremsen“, sagt Marina Bergmann.

Jetzt steht auch in der Gemeinschaftsunterkunft das Weihnachtsfest vor der Tür. „Weihnachten ist nicht bei allen unbekannt“, freut sich Peter Möhring, der Weihnachten in der Rautenbergstraße sein wird. Gelassen und niederschwellig habe er den Menschen den Nikolaus und seine Geschichte erklärt und als Dank der Bewohner Einblicke in die islamischen Feiertage bekommen.

Auf die Frage, was gebraucht wird, ist allen klar: Winterkleidung der Größen S und M sowie Winterschuhe ab Größe 40. Die Kleiderkammer in der Gemeinschaftsunterkunft ist montags von 10 bis 11 Uhr, mittwochs von 13.30 bis 14.30 Uhr und sonnabends von 13 bis 14 Uhr geöffnet. Ganz dringend ist die Hilfe junger Leute gewünscht, die auf Augenhöhe mit den Flüchtlingen Unternehmungen machen – gefragt sind zum Beispiel Kino-Besuche oder Vereinsaktivitäten.

 

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erstellt am 28.Nov.2015 | 00:32 Uhr

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