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Ostholsteiner Anzeiger

22. September 2017 | 01:17 Uhr

Freispruch nach einem tödlichem Unfall

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Im April 2014 stieß ein Rollerfahrer mit einer 87-jährigen Frau zusammen, die nach dem Abendgottesdienst bei schlechter Sicht auf die Straße gehumpelt war

von
erstellt am 15.Mai.2016 | 18:04 Uhr

Wie viel Schuld trägt ein 46-jähriger Motorroller-Fahrer, der im April 2014 in Kiel-Friedrichsort eine 87-jährige gehbehinderte Frau angefahren und dabei tödlich verletzt hatte? Hätte er den Unfall vermeiden können? Mit dieser Frage beschäftigte sich vergangene Woche das Kieler Amtsgericht in einem Verfahren wegen fahrlässiger Tötung – und lieferte nach mehrstündiger Verhandlung ein Urteil, das am Ende selbst der Staatsanwalt empfahl: Freispruch.

Der 46-jährige Schweißer, der an diesem Gründonnerstag vor Ostern 2014 nach der Spätschicht von der Werft nach Hause fuhr, war weder alkoholisiert, noch hatte er Drogen genommen. Er besaß einen Führerschein, sein Kleinkraftrad der Marke Benzhou war nicht auf Leistung getrimmt, es schaffte höchstens Tempo 40. Das einzige Problem des Roller-Fahrers: Als Türke sprach er nicht ausreichend Deutsch. Bei der Übersetzung nach dem schweren Unfall halfen Frau und Schwager – es kam offenbar zu Missverständnissen und schließlich zu falschen Anschuldigungen.

So hatte der Staatsanwalt dem Angeklagten vorgeworfen, ein Stoppschild überfahren und deshalb wegen hoher Geschwindigkeit die tödliche Kollision verursacht zu haben. Doch erstens stellte die Richterin fest, dass am Unfallort auf der Fritz-Reuter-Straße Tempo 50 erlaubt ist. Und zweitens kam der Angeklagte gar nicht aus der Nebenstraße, sondern fuhr bereits auf der Hauptstraße.

Es war dunkel an jenem 17. April 2014 gegen 21.30 Uhr, es regnete, die Straße war glatt. Zudem berichteten Zeugen, dass der Bereich vor der katholischen Kirche, wo die alte Dame gemeinsam mit ihrem Ehemann an einem Gottesdienst teilgenommen hatte, schlecht beleuchtet war. Deshalb nahm der Rollerfahrer, obwohl er nach eigenen Angaben wegen eingeschränkter Sicht sein Gefährt drosselte, nicht wahr, wie direkt vor ihm die 87-jährige Frau an ihren Krücken einen Fuß auf die Straße setzte. Es kam zum Zusammenstoß.

Tatsache ist, dass die Seniorin dunkel gekleidet war und zum Auto ihres (mittlerweile ebenfalls verstorbenen) Mannes unterwegs war, das auf der anderen Straßenseite stand. Dass aber genau dieses stehende Fahrzeug mit seinen Scheinwerfern den Rollerfahrer kurz vor dem Zusammenstoß vermutlich geblendet hat, gehört zu den tragischen Einzelheiten des schweren Unfalls. Die 87-Jährige erlitt mehrere Rippenbrüche, eine Beckenfraktur und einen Beinbruch. Sie war zunächst noch ansprechbar, doch im Krankenhaus verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Sie starb drei Tage später an den Unfallfolgen.

Trotz dieses tödlichen Ausgangs mochte am Ende der Verhandlung niemand im Gerichtssaal dem Angeklagten noch einen Vorwurf machen. Die Richterin erklärte in ihrem Freispruch: „Man darf als Verkehrsteilnehmer darauf vertrauen, dass kein Fußgänger direkt vor ein Fahrzeug läuft.“  

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