Aus dem Amtsgericht : Freispruch für Punker in Drogenprozess

Mit einem Freispruch endete gestern vor dem Eutiner Schöffengericht ein Verfahren gegen einen 49-Jährigen aus der Eutiner Punker-Szene.

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15. März 2012, 11:18 Uhr

Eutin | Der Mann habe im Dezember 2010 in seinem Garten zwischen einem halben und einem Kilo Amphetamine gelagert, lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Doch das ließ sich im Eutiner Amtsgericht nicht erhärten.

Dass es sich nicht um ein gewöhnliches Verfahren handeln würde, zeichnete sich bereits zu Beginn der Verhandlung ab. Schon bei den Angaben zur Person hielt der Verteidiger des Angeklagten, der Kieler Rechtsanwalt Ralph Gübner, den Vorsitzenden Richter Otto Witt an, seinen Mandanten doch erst einmal über seine Rechte zu belehren. Anschließend erklärte Gübner, dass der Angeklagte sich zu den Vorwürfen schweigen werde.
Vortrag des Verteidigers zum Thema Suggestivfragen

Wichtigster Zeuge der Staatsanwaltschaft war ein Drogenkurier, der in Lübeck bereits zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war. Der 39-Jährige war wie einige andere für den bereits zu einer Haftstrafe verurteilten Eutiner Drogenhändler Kai K. tätig. Dessen Festnahme war Auftakt zu einer ganzen Reihe von Strafverfahren, zu denen auch das gestrige gehört.

Bei der Befragung des Zeugen intervenierte der Verteidiger nach kurzer Zeit erneut. Als Witt vom Zeugen wissen wollte, ob der mutmaßliche Täter im Gerichtssaal sei, monierte er die Frage als unzulässig, um sich darauf mit dem Gericht ein Wortgefecht zu liefern, dass in einem ausführlichen Vortrag über die suggestive Wirkung solcher Fragen gipfelte.
Strubbelkopf eins und zwei

Für die eigentliche Überraschung sorgte dann allerdings der Zeuge, der das gebunkerte Amphetamin aus dem Garten des Angeklagten abgeholt hatte. Er erklärte, den Angeklagten habe er dabei gar nicht zu Gesicht bekommen. Vielmehr hätten ihm zwei andere Personen die Tür geöffnet, um in den Garten zu gelangen, wo das Amphetamin in einem Blumenkübel versteckt gewesen sei. "Ein Kleiner mit strubbeligen Haaren war auch anwesend, aber nicht er", erklärte der Zeuge mit Blick auf den Angeklagten. Etwas konsterniert erklärte Witt: "Wir sind alle bass erstaunt. Wir haben offensichtlich Strubbelkopf eins und zwei."

Auf die Befragung des nächsten Zeugen hätte der Staatsanwalt besser verzichtet. So nutzte Anwalt Gübner die genüsslich die Gelegenheit, Schwachstellen bei der Ermittlungsarbeit der Polizei vorzuführen. Der Versuch, den Angeklagten vom zuvor gehörten Zeugen durch Vorlage von Fotos verschiedener Personen sowie des Angeklagten zu identifizieren, sei schlichtweg untauglich gewesen, kritisierte der Verteidiger. Auf den Fotos trage lediglich sein Mandant eine Tätowierung im Gesicht und eine Punk-Frisur. Das sei grotesk. Er fühle sich an den Film "Blues Brothers" erinnert, wo den Zeugen das Foto eines verdächtigen Weißen gemeinsam mit den Fotos von fünf Farbigen vorgelegt werde.

Selbst der Staatsanwalt zählte die Lichtbildvorlage in seinem Plädoyer "eher zu einer der schlechteren". Unterm Strich blieben letztlich Zweifel an der Schuld des Angeklagten, gab er zu und kam nicht umhin selbst einen Freispruch zu fordern.

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