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Ostholsteiner Anzeiger

19. August 2017 | 11:57 Uhr

„Frauen sind bereit, viel zu ertragen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine junge Frau wird von ihrem Mann in die Besenkammer gesperrt, weil die Suppe zu kalt war oder ein Staubkorn an seinem weißen Handschuh hängen geblieben ist auf seinem Rundgang durch die Wohnung. Eine Mittsechzigerin traut sich erst nach Jahren mit einer Freundin über die Gewalt in ihrer zweiten Ehe zu sprechen. Der Grund: Sie wollte nicht wieder allein sein.

Die Schicksale der rund 300 Frauen, die im Jahr Hilfe beim Frauennotruf Ostholstein suchen, sind vielfältig. Mehr als 1000 Beratungen im Jahr leisten drei fachlich geschulte Mitarbeiterinnen in den
Beratungsstellen Eutin und Neustadt. Diplom-Psychologin Carla Schneider ist seit der Gründung des Frauennotrufs in Eutin vor 25 Jahren dabei. Das Jubiläum haben die Mitarbeiterinnen vergessen, es ging unter bei der ganzen Arbeit. „Die ist nicht weniger geworden, sondern mehr“, sagt Carla Schneider. Dabei habe immer sexualisierte und häusliche Gewalt im Vordergrund gestanden, die immer einhergehe mit ökonomischer Gewalt. Schneider: „Früher gab es das klassische Rollenbild. Der Mann hat das Geld verdient und es der Frau zugeteilt.“ Heute seien die Frauen zwar in der breiten Gesellschaft in der Regel selbstbewusster. Aber: „Wenn ihnen über Jahre hinweg jemand einredet, ‚Du bist nichts wert, du kannst nichts‘, dann fangen sie an, es zu glauben.“

Das erleben Carla Schneider und Claudia Wolf (Diplom-Sozialpädagogin) oft in ihren Beratungen. Wolf: „Viele wollen, egal wie groß das Leid ist, gar nicht weg, weil der Mann ja doch auch ganz nett sein kann, wenn er nichts getrunken hat. Sie fühlen sich selbst mitschuldig. ‚Hätte ich ihm keine Widerworte gegeben oder die Wohnung besser geputzt, würde er mich nicht schlagen‘.“ Claudia Wolf nennt nur einige Beispielsätze, die sich über die Jahre wiederholen und woran die Frauen oftmals selbst glauben – obwohl sie das Opfer sind.

Sich behutsam den Frauen in Gesprächen zu nähern, an das Ereignis ranzutasten, erfordere besonderes Fingerspitzengefühl. Nicht selten komme es auch zu körperlichen Reaktionen wie Schweißausbrüchen oder Zittern. „Der Körper reagiert oft, wenn das Trauma in einer Zeit liegt, in der der eigene Wortschatz noch nicht in der Lage war, das Gefühl zu formulieren, was sie beispielsweise beim Missbrauch hatten“, sagt Schneider.

Im Vergleich zu früher, so die beiden Experten, ist die Scham der Opfer über das Geschehene zu reden, zwar immer noch groß. Aber verglichen mit den Anfangsjahren sprechen die meisten heute wesentlich eher über die Ereignisse. Ausnahmen gebe es allerdings nach wie vor. Carla Schneider schildert einen solchen Fall: „Eine 70-Jährige kam zu mir. Sie war fast 40 Jahre mit ihrem Mann verheiratet, wurde getriezt, geschlagen, hat viel über sich ergehen lassen. Der Ausschlaggebende Punkt bei ihr war: Sie wollte die letzten paar Jahre in Frieden leben und trennte sich.“

Selten sei es so, dass die Frauen die Kraft aus sich selbst heraus haben, diesen Schritt raus aus der Beziehung oder Ehe – weg vom Täter zu wagen. „Der häufigste Grund ist, dass die Täter auch den Kindern
gegenüber handgreiflich werden. Frauen sind bereit, viel zu ertragen, aber nicht, wenn es um ihre Kinder geht“, sagt Schneider.

Das Gewaltschutzgesetz habe ihre Arbeit wesentlich erleichtert. „Dadurch werden die Täter zur Verantwortung gezogen“, erzählt die Diplom-Psychologin. Auch die Möglichkeit der Wegweisung gebe den Frauen Sicherheit in den eigenen vier Wänden. Wolf: „Früher mussten die Frauen mit den Kindern ins Frauenhaus fliehen. Durch die Wegweisung kann der Mann durch die Polizei der Wohnung verwiesen werden.“

Wann immer so etwas im Kreis passiert, wird der Frauennotruf von der Polizei benachrichtigt, die Daten für eine Kontaktaufnahme übermittelt. Rund 40 dieser Datenübermittlungen gab es in diesem Jahr bereits. „Aber man muss bedenken, dass längst nicht jede Frau, die Opfer von häuslicher Gewalt wird, auch die Polizei ruft“, betont Wolf.

Was wünschen sich die Mitarbeiterinnen zum 25-jährigen Bestehen? „Eine gesicherte Finanzierung und Nachwuchskräfte, die wir einarbeiten können, damit dieses Angebot für die vielen Frauen im Kreis bestehen bleibt.“ Der Frauennotruf ist zu 50 Prozent gesetzlich abgesichert, die restlichen 50 Prozent sind freiwillige Leistungen der Kommune und des Kreises. Zehn Prozent muss der Notruf Ostholstein immer über Spenden abdecken. Wolf: „Es ist jedes Jahr ein Zittern, ob die freiwilligen Leistungen gekürzt werden oder nicht. Vor zwei Jahren hat uns das in Neustadt richtig böse überrascht und vor ernsthafte Probleme gestellt. Denn 10 000 Euro sind für uns richtig viel Geld.“ Denn neben Beratungen leiten beide auch Gruppen, darunter auch behinderte Frauen. Schneider: „Das war jahrelang ein Tabuthema. Da gibt es noch sehr viel zu tun.“

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von
erstellt am 21.Nov.2014 | 10:53 Uhr

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