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Ostholsteiner Anzeiger

22. Oktober 2017 | 06:56 Uhr

Frage nach der Glaubwürdigkeit noch offen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Fünfter Verhandlungstag im Prozess um Raubüberfall auf Edeka-Markt in Hutzfeld im Oktober 2015 / Mithäftling entlastet Angeklagte und belastet Zeuge

shz.de von
erstellt am 09.Feb.2017 | 18:01 Uhr

Wie glaubwürdig ist jemand, der von Zeugen als „erfindungsreich“ und „mit hohen manipulativen Fähigkeiten ausgestattet“ beschrieben wird? Diese Frage hatte beim vorangegangenen Prozesstag gegen die beiden 27-jährigen, aus dem Kosovo stammenden Angeklagten Igor T. und Vladimir K. deren Verteidiger aufgeworfen. Beide Rechtsanwälte hatten mit einer Antragsflut weitere Zeugen benannt (wir berichteten), die nun gestern gehört wurden.

Die Angeklagten waren nämlich von einem Mithäftling der JVA Lübeck, Clemens G., schwer belastet worden. Dieser hatte vor Gericht von Gesprächen zwischen K. und T. sowie Pascal S. berichtet. Letzterer steht im Verdacht, im vergangenen Sommer im Drogenrausch in Bargteheide seine Freundin mit drei Schüssen getötet zu haben – mit einer Waffe, die Igor T. beschafft haben soll. S. wiederum soll laut Clemens G. derjenige sein, der den beiden Angeklagten seinen BMW M3 gegeben haben soll, mit dem T. und K. dann angeblich im Oktober 2015 zum Überfall nach Hutzfeld gefahren sind. Um Spuren zu verwischen, behauptete S., dass der Wagen bei einem Einbruch gestohlen worden sei. Die Echtheit des Einbruchs hatten die Ermittler bereits am ersten Verhandlungstag bezweifelt.

Pascal S. widersprach den Aussagen von Clemens G. völlig: Der Einbruch habe wirklich stattgefunden, Vladimir K. habe er erst vor kurzem in der JVA Lübeck kennengelernt und woher die Waffe gekommen ist, wisse er nicht. „Herr G. hat viel Müll erzählt, alles Blödsinn“, sagte Pascal S. und berichtete wiederum über G., dass dieser viele Feinde im Gefängnis hätte, da dieser viele Mithäftlinge betrogen habe.

Diesen Eindruck spiegelte auch Hilde P., Abteilungsleiterin in der JVA Lübeck, wider. Auch sie wurde auf Antrag der Verteidigung vor Gericht gehört. Clemens G., der noch bis Februar 2020 wegen Betrugs hinter Gittern sitzen muss, sei demnach ein „als besonders gefährlich eingestufter Gefangener“, da dieser Beamte bestochen, einen Fluchtversuch verübt und mehrfach in Haft unerlaubt Handys besessen habe. „Er ist sehr erfindungsreich, gleichzeitig sehr charmant, ansonsten aber unauffällig“, sagte die Diplom-Sozialpädagogin. Aufgrund vieler Schwierigkeiten mit anderen Häftlingen sei G. zurzeit 23 Stunden am Tag unter Verschluss – zu groß sei die Bedrohungslage gegen ihn. Die Verteidiger bemühten sich gestern erneut, deutlich zu machen, dass G.s Denunziationen nur vor dem Hintergrund gemacht wurden, da er sich eine Verlegung in die JVA Hamburg erhofft habe. Das sei „ein Deal mit der Staatsanwaltschaft“, sagte auch Pascal S., der Clemens G. zudem des Diebstahls bezichtigte: G. habe ihm einen Zettel gestohlen, von dem G. behauptete, auf ihm würden offene Rechnungen für Drogengeschäfte stehen. G. habe diese für S. über Kontakte nach „draußen“ eintreiben sollen. Richter Kai Schröder hakte nach. „Was hat es denn mit den Geldbeträgen und Namen auf sich?“ – „Das waren nur Stichpunkte für mich“, sagte Pascal S. Unter den Beträgen seien auch Gelder für ein Gutachten gewesen, das S. über einen Anwalt in Auftrag geben ließ. Auch dieses Geld habe Clemens G. veruntreut, so S.

Die Angeklagten entlastete Pascal S. insofern, als dass er die beiden nicht auf dem Blitzerfoto erkannt habe. K. habe sich ihm als Dieb des BMWs erst in der Haft zu erkennen gegeben. „T. war nie im Gespräch gewesen. Er hat immer gesagt, dass er nichts mit dem Überfall zu tun hat“, sagte Pascal S., der T. bereits seit elf Jahren kennt. T. sei auch wiederholt mit dem himmelblauen BMW unterwegs gewesen. „Den hat die ganze Familie genutzt“, sagte Pascal S., der zumindest wusste, dass K. den Wagen letztlich auf einem Rastplatz übergeben oder verkauft habe.

Die „Frage der Glaubwürdigkeit“ von Zeuge Clemens G. wurde indes nicht abschließend beantwortet – so die Meinung der Verteidigung. Der Prozess wird am 1. März fortgesetzt. Dann soll der Staatsanwalt aussagen, der vor wenigen Wochen Clemens G. befragt hatte.  

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