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Ostholsteiner Anzeiger

12. Dezember 2017 | 17:24 Uhr

Plön : Forschung zum Anfassen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Im Plöner Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie gab es viele spannende Informationen.

von
erstellt am 05.Sep.2015 | 17:00 Uhr

Was machen die da eigentlich? Eine Frage, die sich viele Menschen gestellt haben, wenn sie am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie vorbeigefahren sind oder von ihm gehört haben.

Sie machen ganz viele spannende, verblüffende, teilweise auch kuriose Sachen. So könnte die Antwort lauten, auf die über 1200 Menschen am Sonnabend gestoßen sind. Nach fünf Jahren hatte das Institut wieder zu einem „Tag der offenen Tür“ geladen. Acht Stunden lang trafen Besucher in Laboren und anderen Räumen auf höchst auskunftsfreudige Mitarbeiter.

Wissenschaftler arbeiten oft an komplizierten Zusammenhängen, ähnlich kompliziert sind meistens ihre schriftlichen Erklärungen voller Fremdwörter. Wer weiß schon, was zum Beispiel ein Haupthistokompatibilitätskomplex ist?

Sonnabend galt dagegen das Motto „Forschung zum Anfassen“, und es wurden Forschungsprojekte sehr fantasiereich und leicht verständlich für Gäste jeden Alters erklärt. Zum Anfassen wurden vor allem Kinder aufgefordert, ob beim Extrahieren von Erbgut aus Tomaten, ob in einer großen Spielecke mit Schminkstation oder in einem Krabbelraum im Mäusehaus. Viele Kinder nutzten auch die Gelegenheit, an einer Ralley teilzunehmen und als „Mini-Forscher“ ausgezeichnet zu werden.

Erwachsene wurden unterdes mit Fragen konfrontiert, die ganz einfach klingen, aber noch nicht beantwortet sind. Warum, zum Beispiel, pflanzt sich ein wesentlicher Teil aller Lebewesen mit Sex fort? Die mögliche Antwort „Weil’s Spaß macht“ greift dabei ein bisschen kurz. Es gibt Tierarten, die einmal Sex haben und es mit ihrem Leben bezahlen, oder bei denen der Geschlechtsakt ein schmerzvolles Ereignis bedeutet.

Die wissenschaftliche Methode, dieser Frage mit einer Gegenüberstellung von Vor- und Nachteilen nachzugehen, wird in Plön von Experimenten mit einer Alge begleitet. Die hat, wie die Biologin Alina Jeschke erläutete, die seltene Fähigkeit, sich sowohl durch Paarung als auch ohne Partner fortpflanzen zu können.

Der Vergleich, wie widerstandsfähig die Nachkommen der beiden verschiedenen Methoden sind, erlaubt Rückschlüsse darauf, was der Arterhaltung mehr dient. Und die Antwort auf die Frage „Warum Sex?“ hängt sicher damit zusammen, dass Nachwuchs von einem Elternpaar durch eine breitere genetische Vielfalt mehr Fähigkeiten zum Überleben bekommen kann. Bei Tieren, die sich eigenständig reproduzieren, werden positive Änderungen des Nachwuchses nur durch selten vorkommende und zufällige Mutationen erreicht.

Ein Stockwerk höher erfährt der Besucher, dass in dem Plöner Labor die vermutlich größten Tau-Fliegen der Welt gezüchtet worden sind. Die im Volksmund auch Fruchtfliegen genannten „Schwarzbäuchigen Taufliegen“ (Drosophila melanogaster) sind seit dem 19. Jahrhundert bei Gen-Forschern extrem beliebt. Mit der jüngsten Zuchtreihe wird in Plön der Frage nachgegangen, was sich bei dem Trend der Natur, immer größeren Nachwuchs zu produzieren, in den Genen abspielt. „Unsere Fruchtfliegen sind etwa 20 Prozent größer als die größten Fliegen, die freilebend auf der Welt vorkommen“, berichtet Anita Müller, die noch ganz viele andere spannende Sachen über die für Menschen harmlosen Insekten erzählen kann.

Würmer und Wanzen sind ständige Begleiter von Fischen: Diesen Parasiten, die sich im Lauf ihres Lebens häufig auch über Vögel und Schnecken entwickeln, gilt im Institut ebenso das Interesse wie den Dreistachligen Stichlingen, sozusagen das „Paradetier“ des Instituts. Während der Besucher im Kellergeschoss schon die Menge der Aquarien bestaunt, in denen Tausenden von Stichlingen leben, befördert Prof. Dr. Manfred Milinski zusätzliches Staunen mit seinem Bericht, was man über die Partnerwahl der Fische schon weiß und was sich davon auf Menschen übertragen lässt – sehr viel.

So können Fische nicht nur riechen, sondern lassen sich entscheidend auch bei der Partnerwahl vom Geruch beeinflussen – was für Menschen auch gilt. Dabei entscheidet die Frage, ob zwei Menschen zusammenpassen, nicht nur über die Dauer einer Ehe, sondern vor allem darüber, wie gesund und widerstandsfähig ihr Nachwuchs ist.

Keine bahnbrechenden Neuigkeiten versprechen die bisherigen Forschungen, ob Hausmäuse aus verschiedenen Teilen der Welt im Lauf der Jahrtausende unterschiedliche „Dialekte“ bei ihrem „Gesang“ entwickelt haben, erfuhren Besucher im Mäuse-Haus. Dort zugleich zu sehen, wie moderne Technik mit reiskorngroßen Chip-Implataten zuverlässigen Daten über die Bewegung von Mäuse in verschiedenen Szenarien liefert. Der Computer zeichnet auf, was früher von Menschen beobachtet und dokumentiert werden musste.

Die Mitarbeiter des Institute hätten ein sehr „konstruktiv interessiertes Publikum“ erlebt, resümierte Prof. Dr. Arne Traulsen. Der Geschäftsführende Direktor des Instituts sprach zugleich allen 160 Mitarbeitern und auch Praktikanten ein großes Lob aus: Ihr Engagement und die Bereitschaft zu dem achtstündigen Programm sei sehr beeindruckend gewesen.

Das Informationsangebot an fast 30 Stationen im Institut wurde ergänzt durch Vorträge zu jeder Stunde im Hörsaal. Die Einnahmen einer Caféteria und eines Bücherflohmarktes sollen der Flüchtlingshilfe in Plön gespendet werden. Allein durch den Kuchenverkauf seien fast 1000 Euro erlöst worden, sagt für Pressesprecherin des Instituts, Dr. Kerstin Mehnert. Hinzu komme der noch zu ermittelnde Erlös aus dem Bücher-Basar.

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