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Wohnheim in Eutin : Flüchtlinge im Lindenbruchredder: „Das ist nicht Deutschland“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Im Lindenbruchredder herrschen katastrophale Zustände für die Flüchtlinge. Die Stadt Eutin weiß von der Situation – eine konkrete Lösung hat sie jedoch nicht.

Eutin | Schiffsingenieure aus Kurdistan, Diplompädagogen aus Syrien und Software-Entwickler aus Armenien leben Tür an Tür mit deutschen Obdachlosen im Lindenbruchredder. Die Namen stehen auf Klebestreifen an den Türen der Baracken. Davor türmen sich Berge von Müll – und selbst gesammeltes Holz in Einkaufswagen.

Was sie nicht für selbstgezimmerte Garderoben oder Abstelltische brauchen, sorgt im Ofen für Wärme. Heizkörper Fehlanzeige. Wer elektrische Heizlüfter hat, ist froh, wenn sie funktionieren. „Hier ist alles kaputt, das ist nicht Deutschland“, sagt Hovig (29) aus Armenien.

Er ist einer von derzeit 14 Flüchtlingen, die in den einstigen Schlichtwohnungen aus den 60er Jahren untergebracht wurden. Nie hätte er sich gedacht, dass er mal so leben müsste. „Für Afghanistan wäre das okay, aber Deutschland?“ Damit ist er nicht allein. Acht Männer stehen in einer Runde vor einer Baracke, zeigen die toten Ratten auf dem Grasweg, die sie mithilfe von Fallen gefangen haben. „Nachts können wir hier nicht lang. Da wimmelt es nur so von den Tieren“, erzählt ein 27-Jähriger. Die Ratten fühlen sich im Stockdunkel wohl. Die Flüchtlinge vermissen die Außenbeleuchtung.

Sie vermissen viel im Lindenbruchredder – am meisten jedoch Nachbarschaft und eine Internetverbindung, um ihr Leben in Deutschland zu organisieren und mit den Familien in Kontakt bleiben zu können. „Reden können wir mit den Nachbarn nicht. Die sind den ganzen Tag betrunken, spritzen sich Drogen oder schreien nachts rum“, erzählen die jungen Männer.

Sie wollen Deutsch lernen, sich integrieren, besuchen dafür einen Deutsch-Kurs der VHS. Am liebsten würden sie arbeiten gehen und Geld verdienen. „Wir wollen uns was aufbauen“, erzählen sie. Doch bevor ihre Asylanträge nicht entschieden wurden, ist aller Enthusiasmus gelähmt.

Die meisten von ihnen haben studiert, gefragte Berufe gelernt und sind geflohen, weil sie nicht mit dem Militär in den Krieg ziehen wollten. Ihre nüchterne Erkenntnis: „Das hier ist kein Ort zum Leben, da hätten wir auch zum Militär gehen können.“

Es gibt kein Bad pro Zimmer, dort ist lediglich eine antike Toilette vorhanden. Stattdessen müssen sie sich mit den deutschen Bewohnern einen „externen“ ungeheizten Badraum teilen. Für „Privatsphäre“ beim Duschen sorgt eine herausgebrochene Tür, die sich die Männer vor das Eingangsloch stellen müssen. „Wenn die Wohnungen frisch renoviert sind, sehen die top aus“, sagt der zuständige Hausmeister Daniel Bröker. Weshalb es so ist, wie es ist, wird verschieden begründet: Teils sollen die Waschbecken und Heizkörper herausgerissen und verkauft worden sein.

„Es ist nur vorübergehend“, bekommen die Flüchtlinge von Stadtmitarbeitern gesagt. Doch Ali, der seit zwei Jahren hier haust und immer noch keine Antwort vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat, lässt die Neuankömmlinge daran zweifeln.

Der Stadt ist die prekäre Situation bekannt: „Es steht auf der allgemeinen Tagesordnung“, sagt Bauamtsleiter Bernd Rubelt, „allerdings stehen da auch viele andere Dinge“. Es würden kurzfristige Lösungen gesucht. Wie die aussehen, konnte er gestern nicht sagen. Aus dem Ordnungsamt heißt es: „Es brennt. Wir haben in Eutin einfach keine Ein- oder Zweiraumwohnung für diese Menschen zur Verfügung.“ Wenn eine frei würde, sei das nur für fünf Minuten.

Es gibt rund 26 private Vermieter in Eutin, die Flüchtlingen eine Wohnung vermieten wollen – Bedingung: Sie sollen sich eingelebt haben und Deutsch sprechen. Derzeit überlegt die Stadt, einen Koordinator einzustellen, der Mittler zwischen den ehrenamtlichen Engagierten und der Verwaltung sein soll. Doch die Mühlen mahlen langsam. Julia Lunau vom Ordnungsamt: „Der Bedarf ist zweifelsfrei festgestellt, doch die Politik muss mit ins Boot geholt werden.“ Entscheidet die sich positiv, könnte ein möglicher Koordinator frühestens im Dezember bei der Beratung der Stellenplanung Thema sein.

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erstellt am 31.Okt.2014 | 11:19 Uhr

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