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Ostholsteiner Anzeiger

23. Oktober 2017 | 19:54 Uhr

Flüchtlinge im Ferienpark

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Infoveranstaltung in Mönchneversdorf: „Ein bis zwei Familien wären leistbar, mehr aber nicht“ / Verwaltung hat es schwer, Gehör zu finden

shz.de von
erstellt am 08.Okt.2015 | 09:31 Uhr

Das knapp 300 Seelen große Dorf unweit des Bungsbergs hat zwei Probleme – einen ihr vorauseilenden Ruf der eingeschränkten Gastfreundlichkeit, begründet in Protestaktionen vor rund 30 Jahren, und die Gefahr, dass sich dieser Ruf durch aktuelle Ereignisse bestätigen könnte. Ein Rückblick: 1986 erlangte Mönchneversdorf als einziger Ort Ostholsteins überregionale Bekanntheit, weil mehr als die Hälfte der Einwohner mit einer Trecker-Protest-Blockade die Ansiedlung von rund 60 Albanern in ihrer Ortsmitte verhinderten. Sie befürchteten eine Überfremdung und nahmen schließlich nur eine Familie auf – „die hatte es aber wirklich gut bei uns“, sagen heute die Kinder der Protestler.

30 Jahre später sind die Sorgen der Mönchneversdorfer die gleichen, das zeigte die Infoveranstaltung des Kinderschutzbundes und des Amtes Ostholstein-Mitte am Mittwochabend zum Thema „Flüchtlingsunterbringung im Ferienpark“. Sechs Familien – vornehmlich aus Syrien – sollen in fünf Häusern (sieben Wohneinheiten) im Ferienpark untergebracht werden. Karl-Heinz Schulenburg hatte der Gemeinde seine Häuser im Ferienpark zu eben diesem Zweck angeboten, als er von der Not der Gemeinden gehört habe. „Jeder ist groß darin, Verständnis zu zeigen, dass diese Menschen irgendwo untergebracht werden müssen. Aber wenn es ernst wird, sagen die meisten ganz schnell: ‚Bei mir bitte nicht‘“, sagt Schulenburg.

Dass die Not des Amtes Ostholstein-Mitte groß ist, daran ließen Hans-Alfred Plötner als stellvertretender Amtsvorsteher und Bürgermeister von Schönwalde sowie der Leitende Amtsvorsteher Burkhard Busch keine Zweifel. „Wir haben in Schönwalde jede Hundehütte gemietet, uns bleibt gar nichts anderes übrig, als auch in die umliegenden Dörfer zu gehen“, so Plötner. Bis Jahresende müssten noch weitere 100 Menschen, bis April 2016 nach neuesten Zahlen insgesamt 160 untergebracht werden. „Aber doch nicht hier!“ oder „Davor sind noch die Gerichte“ warfen aufgebrachte Mönchneversdorfer ein.

In der Tat gibt es ein kleines Problem mit der Dauernutzung im Ferienpark. Denn in diesem ist als deklariertes Sondernutzungsgebiet kein dauerhaftes, ganzjähriges Wohnen möglich. 15 von der Gemeinde geduldete Hauptwohnsitze beweisen seit Jahren das Gegenteil. Um für die Flüchtlingsunterbringung eine rechtliche Grundlage zu haben, stellte das Amt Schönwalde Anträge auf Nutzungsänderung für eben diesen Zweck beim Kreis Ostholstein. Von der Pressestelle des Kreises heißt es dazu: „Durch eine durch das Bundesbauministerium angekündigte kurzfristige Änderung des Baugesetzbuches wird wegen der Unterbringungsproblematik der Flüchtlinge ein Ausnahmetatbestand auch für Sondergebiete geschaffen, wodurch es den Behörden zukünftig ermöglicht wird, eine befristete Unterbringung von Flüchtlingen auch in diesen Bereichen zu genehmigen.“ Der zuständige Fachdienst beabsichtigt deshalb die Anträgen des Amtes für höchstens drei Jahre zu genehmigen.

Diese Nachricht dürfte für weiteren Zündstoff sorgen, denn die Rede war am Mittwochabend von einer temporären Nutzung von etwa sieben Monaten. Denn Berthold Möller, der einst – ungefähr vor 30 Jahren – gemeinsam mit anderen Geldgebern den Ferienpark Mönchneversdorf aufbaute, unterbreitete der Gemeinde ebenfalls ein Angebot: „Ich baue auf einem Grundstück in Schönwalde ein Haus für sechs oder acht Familien, und wenn das Haus fertig ist im Mai oder Juni, wird der Ferienpark wieder sauber gemacht.“

Dann wäre er im Gegenzug auch mit der temporären Nutzung einverstanden. Er sei kein Nazi, aber er lasse sich auch nicht sein Lebenswerk vernichten. Denn das, so glaubt Möller nicht allein, geschehe, wenn die Flüchtlinge dauerhaft im Ferienpark untergebracht würden. Die „gewachsene Struktur“ werde dann zerstört, Einnahmeeinbußen und sinkende Immobilienpreise seien zu befürchten, so einige Eigentümer.

„Wer zahlt uns die Raten, wenn wir unsere Kredite nicht bedienen können“, fragt ein Berufsschullehrer aus Hamburg, der sich ein Häuschen am See gekauft hatte. Busch entgegnete solchen Argumenten: „Wenn ich mich zwischen einer Familie im Winter im Zelt oder einer Turnhalle und ihren möglichen verschlechterten Buchungszahlen wählen muss, dann weiß ich aber, wo aus menschlicher und moralischer Sicht meine Priorität liegt. Ich wünsche mir mehr Herz und weniger Vorbehalte.“

Zwei Stuttgarter, die seit vier Jahren zweimal pro Jahr im Ferienpark Urlaub machen, können die Sorgen der Vermieter nicht verstehen: „In jeder Großstadt gibt es tausende Flüchtlinge, auch bei uns sind es wesentlich mehr Menschen. Da sind doch ein paar Familien nichts. Im Ausland hätten wir auch keine deutschen Nachbarn, wir kommen wegen der Gegend und der schönen Lage.“

Andrea Belitz, Flüchtlingsbetreuerin vom Kinderschutzbund im Amt Mitte, versuchte die Mönchneversdorfer durch positive Berichte von zahlreicher Ehrenamtsarbeit zu erreichen und wollte zur „Hilfe zur Selbsthilfe“ animieren. Es meldete sich niemand. Später äußerten sich Vertreter der Feuerwehr: „Wie sollen wir das denn auch noch alles schaffen mit Fahrdiensten und ähnlichem? Wir leisten schon genug ehrenamtlich nebenbei.“

Es gehe den Mönchneversdorfern trotz aller Bemerkungen nicht darum, gar keine Menschen unterbringen zu wollen, aber „nicht so viele“. Ein bis zwei Familien wären leistbar, sagt eine kleine Gruppe von Kindern ehemaliger Protestler. „Aber mehr nicht.“ Die ersten Familien erwartet das Amt bereits nächste Woche.


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