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Ostholsteiner Anzeiger

23. Oktober 2017 | 17:35 Uhr

Eutin : Flüchtlinge bekommen eine Chance

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der Kreisverband des Kinderschutzbundes Ostholstein betreute seit 2010 mehr als 80 Minderjährige und half ihnen ins eigenständige Leben.

von
erstellt am 24.Okt.2014 | 04:00 Uhr

Die Knochen und Wirbel am Skelett zu benennen, ist für Najib (17) ein leichtes. Eine glatte eins bekam er dafür im Test an der Kreisberufsschule in Eutin. Seine Fachrichtung ist eher untypisch für einen jungen Mann: Gesundheitswesen. Aber Najib weiß, was er will: „Ich möchte Medizin studieren und später Oberarzt für plastische Chirurgie sein.“

Der Grund für diesen klaren Berufswunsch ist in Najibs Vergangenheit verankert. Najib ist in Afghanistan geboren. Seine Fluchtgeschichte begann 2012 – da war er gerade 15 Jahre alt. Najib: „Dort zu leben, das war nicht mehr sicher für mich.“ Sein Vater bezahlt ihm die Flucht bis in den Iran. Doch auch dort schien es nicht sicher, er wurde verfolgt, so sagt er. Als Schneider arbeitete der junge Najib schon in seinem Heimatland. Auf seiner Flucht verdient er mit diesem Handwerk das nötige Geld für den nächsten Schlepper – und etwas zu Essen. Es ging weiter in die Türkei, hier lebte Najib ein Jahr, doch ohne Ausweis und Papiere war es als Minderjähriger auch hier schwierig. Über Serbien und Bulgarien kommt er nach Österreich. Seine Geschichte gleicht den Erzählungen vieler anderer Flüchtlinge: Von Serbien nach Bulgarien musste er ohne Schleuser allein durch den Wald. „Wir sind zwölf Stunden gelaufen, bei uns waren viele Frauen, darunter auch Schwangere.“ Dass sie den Weg überhaupt gefunden haben, verdankt er seinem Handy und GPS. In Bulgarien wurden er und bis zu 500 andere von der Polizei in einer Turnhalle festgehalten. Wieder kaum Essen und Trinken.

Irgendwie schafft er es nach Österreich und per Mitfahrgelegenheit soll es nach Schweden gehen. Doch die Kontrolle der Bundespolizei in Puttgarden setzt seiner Reise im November 2013 ein Ende. Warum Schweden? „Ein Freund sagte, das man dort leichter Asyl bekommt und arbeiten kann.“

Arbeiten, das erklärt Rüdiger Tuschewski, der Leiter der stationären Einrichtungen des Kreisverbands des Kinderschutzbundes Ostholstein, ist für die meisten Jugendlichen oberste Priorität – um der Familie die eigene Flucht zurückzubezahlen, die oft bei 8000 Dollar und mehr kostet. Die erste Anlaufstelle für Najib war das Jugendhilfehaus Lensahn. Hier gibt es für minderjährige Flüchtlinge eine Erstausstattung an Kleidung, „damit sie überhaupt erst einmal die Wäsche wechseln können“, sagt Tuschewski. Denn wenn sie in Ostholstein ankommen, besitzen sie meist nicht mehr als die Kleider am Leib. Von Lensahn geht es für viele ersteinmal in das Kinder- und Jugendhaus Zarnekau. „Hier gibt es eine ‚Rund-um-die-Uhr-Betreuung‘ für Jugendliche unter 16 Jahre oder welche, die in ihrer Entwicklung noch nicht so weit sind“, erklärt Tuschewski. Deutsch lernen sie je nach Wohnort an der Volkshochschule in Lübeck, so vie Najib, oder an einem der DaZ-Zentren im Kreis. Nach dem 16. Lebensjahr sind die betreuten Wohngruppen das Ziel: „Hier lernen die jungen Menschen in einem Crash-Kurs Selbständigkeit, einen Haushalt Führen und das eigene Leben zu organisieren.“ Fünf Wohngruppen gibt es im Kreis: In Malente, drei in Eutin, seit Anfang dieses Monats auch eine in Neustadt.

Pädagogen und Erzieher wie Gunnar Wildfang helfen den Jugendlichen bei den ersten eigenen Schritten in ihrer neuen Heimat. Fragen stellen sie dabei nicht. Gunnar Wirldfang: „Wenn die Jugendlichen über ihre Vergangenheit, ihre Flucht sprechen wollen, dann können sie das. Aber wir zwingen keinen dazu.“ Für traumatisierte Flüchtlinge halten die Verantwortlichen Kontakt zu Spezialisten. Doch dieses Angebot wurde von den rund 80 Minderjährigen seit 2010 Betreuten – so lange gibt es die ersten Wohngruppen des Kinderschutzbundes – eher selten genutzt. „Viele wollen das jetzt einfach noch nicht und das akzeptieren wir“, sagt Tuschewski. Das wichtigste für ihn und sein Team: Den Jugendlichen eine Heimat geben, einen Ort der Ruhe an dem Vertrauen langsam wachsen kann. Deutschlernen steht dabei ganz oben auf dem Plan. „Ohne Verständigung klappt keine Integration, keine Schule und keine Ausbildung.“ Allerdings betont Tuschewski: „Integration bedeutet für uns nicht, dass man etwas aufgibt zugunsten von etwas anderem. Es ist wichtig, dass die jungen Menschen trotz Integration ihre eigene Identität behalten können.“ Deshalb feiern die Betreuer mit den Flüchtlingen, die in Najibs Wohngruppe alle Muslime sind, beide Feste – auch die christlichen. Gunnar Wildfang: „Sie sind sehr interessiert an unserer Kultur und Religion, stellen viele Fragen.“

Ihnen Antworten zu geben, bei der Orientierung in der neuen Heimat zu helfen und Wege zu ebnen, das hat sich der Kreisverband des Kinderschutzbundes zur Aufgabe gemacht. Für Najib ist das Ziel klar: Erst den Realschulabschluss machen, dann das Abitur, um schließlich Medizin studieren zu können. Gunnar Wildfang: „Das traue ich ihm wirklich zu. Ihn muss man eher bremsen, auch mal an seine Freizeit erinnern, weil er immer lernt und fleißig ist.“ Najibs Wunsch ist klar: „Ich möchte Menschen, die entstellt sind, ihre Schönheit zurückgeben.“ Viele Menschen in Afghanistan habe er gesehen, die gezeichnet waren vom Krieg, denen ganze Gliedmaßen und Gesichtshälften fehlten.

Von dem Wunsch, nach Schweden zu gehen, hat er abgelassen. Hier sei es auch schön. Sein Interesse an seiner Umgebung und sein Wissensdurst, wie es sein Betreuer Gunnar Wildfang nennt, waren in den Sommerferien so groß, das Najib mit dem Zug jeden Zipfel Schleswig-Holsteins in diversen Tagesausflügen besucht hat.

Um Najib auch nach seinem 18. Geburtstag den Schulbesuch zu ermöglichen, suchen Tuschewski und Wildfang eine Wohnung in Eutin. Denn die offizielle Jugendhilfe und damit ein Leben in der Wohngruppe endet dann. Aber bei einem ist sich sein Betreuer sicher: „Er will und er schafft es auch!“

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