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Eutin : Fledermaus: „Spritzig bis verkatert“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die 67. Spielzeit der Eutiner Festspiele begann am Sonnabend mit der Mutter der Operette und prickelnder Champagnerlaune

Eine leichte wie sehr angenehme Aufgabe erwartete den frisch gebackenen Ministerpräsidenten Daniel Günther, der zur Freude des gut gelaunten Publikums mit seinem Eröffnungssatz zudem blauen Himmel offerieren konnte.

Die Fledermaus von Johann Strauss: Sein unerreichtes Meisterwerk bietet auch noch 143 Jahre nach der Uraufführung mit seinem mitreißenden Schwung viel Raum für Inszenierung (Dominique Caron), Bühne (Ursula Wandaress) und Kostüme (Martina Feldmann), welche das eingespielte Damenteam in die 1920er Jahren ansiedelte. Und dieser wienerische Schwung ist gleich von der ersten Note der feurig gespielten Ouvertüre von der jung besetzten Kammerphilharmonie Lübeck unter der leidenschaftlichen Leitung von Leo Siberski zu spüren.

Michael Heim gefällt ebenso in der heiteren Rolle des vormaligen Täters und ahnungslosen Racheopfers Gabriel von Eisenstein wie auch eine fabelhaft singende Peggy Steiner als dessen Ehefrau Rosalinde. Christian Oldenburgs Dr. Falke, der ja bekanntlich nach durchzechter Nacht mit von Eisenstein im Fledermauskostüm allein gelassen des Morgens auf einer Bank jene öffentliche Blamage erlitt, hält nun als gewitzter Ränkeschmied mit klarem Tenor die Fäden in der Hand. Am überzeugendsten wirkt insbesondere im I. Akt jedoch Steffi Lehmann in Gestalt der koketten Kammerzofe Adele, die mit jugendlicher Frische und unschuldigem Charme auftritt. Testosterongesteuerte Aufregung verbreitet zunächst Ziad Nehme alias Gesanglehrer Alfred. Dieser hat jedoch nur ein kurzes aber intensives Sing- und Knutsch-Vergnügen mit Rosalinde. Er wird alsbald vom Gefängnisdirektor Frank, dargestellt vom witzig darstellenden und vollmundigen Tenor Peter Paul, abgeholt und verbringt die Nacht an Eisensteins statt im Gefängnis, Wagner- und Mozartarien schmetternd.

Großes Trink- und Maskenvergnügen im wirkungsvollen II. Akt mit den herbeigeführten, zahlreichen heiteren Missversteher und dem seligen Walzerfinale sowie den bekannten Ohrwürmern „Glücklich ist, wer vergisst...“. Dieser Akt findet in den großen Ensembleszenen mit weiteren Akteuren und stark singendem und klanglich gut abgestuftem Eutiner Festspielchor (Chorleitung: Romely Pfund) und besonders in der melancholischen Arie des Fürsten Orlofsky, mit großer Bühnenpräsens großartig gesungen von Milana Butaeva, einen echten Höhepunkt. Da indes während der Ouvertüre die Blamage Falkes szenisch bereits vorweggenommen wird, so entpuppt sich die im Sujet später vorgesehene Erklärung der Intrige als spannungshemmende Wiederholung.

Der Finalakt mit selbstverständlich glücklicher und problemloser Auflösung gestaltet sich nicht nur ob des kabarettistischen Monologs mit aktuellen Seitenhieben von Elmar Gehlens Frosch zwar als witzig, aber auch etwas gewollt. Insgesamt klingt dieser im Gegensatz zum ersten Akt wohl nach dem vielen Champagner auch etwas verkatert und temperamentminimiert.






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erstellt am 10.Jul.2017 | 00:46 Uhr

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