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Ostholsteiner Anzeiger

20. November 2017 | 07:08 Uhr

Flaniermeile für unverheiratete Frauen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Jungfernstieg und Jungfernort in Eutin: Trotz der Namensähnlichkeit gibt es zwischen den beiden Straßen keinen Zusammenhang

von
erstellt am 29.Mai.2017 | 18:15 Uhr

Am Begriff Jungfer lässt sich erkennen, das Worte im Lauf der Zeit ihre Bedeutung verändern können. Ursprünglich bezeichnete man so eine junge Frau aus dem Adel, während man einen adligen jungen Mann „Junker“ nannte. Als Anrede, wie „Jungfer Adele, wie ist das werte Befinden?“ diente das Wort im Sinne von „Fräulein“.

Später belegte man unverheiratete Frauen im Allgemeinen mit der Bezeichnung Jungfer. Frauen, die nicht frühzeitig verheiratet waren, wurden abfällig „alte Jungfern“ genannt.

Das Frauenbild hat sich ab den 1960er Jahren stark gewandelt, aber auch heute noch ist der Gedanke, dass eine Frau ab dem 30. Lebensjahr „unter der Haube“ sein sollte, verbreitet.

Im positiven Sinne kennen wir heute den Begriff „Brautjungfern“ als Begleiterinnen der Braut. Hier nähern wir uns dem Sinn des Jungfernstieges, denn er diente als versteckter Heiratsmarkt: Im Bürgertum war es üblich, am Wochenende Spaziergänge mit der Familie oder auch der Freundin zu machen. Man präsentierte hier seine unverheirateten Töchter. Dafür wurden Flaniermeilen wie zum Beispiel der Jungfernstieg in Hamburg genutzt, der ursprünglich eine schöne Allee war.

Hier gab es eine unverfängliche Gelegenheit, wie sich junge Frauen und Männer inoffiziell begegnen konnten. Es galt: Sehen und gesehen werden!

Ähnliches beschreibt Jane Austen (1775–1817) in ihrem Buch „Northanger Abbey“, wo die Brunnenhalle im englischen Kurort Bath zur Flaniermeile wird. Auch in Eutin wird es, wenn auch in kleinerem Rahmen, so gewesen sein. Der Verlauf des Jungfernstieges entlang des Schlossparks war für diesen Zweck sicher geeignet, auch wenn man heute angesichts dieser Straße etwas Fantasie braucht, um sich eine Flaniermeile vorzustellen. Ein anderer Name für den Jungfernstieg war „Redder“. So bezeichnet man einen Weg, der an beiden Seiten von Knicks (Hecken) gesäumt ist.

Trotz der Namensähnlichkeit gibt es keinen Zusammenhang zwischen dem Jungfernstieg und der kleinen Straße Jungfernort, die von der Oldenburger Landstraße gegenüber der Rettberg-Kaserne in Richtung Großer Eutiner See führt. Es gibt Vermutungen, dass der Name „Jungfernort“ mit der Verehrung der Jungfrau Maria zusammenhängt. Hier am Südufer des Sees, östlich des Schlossparks, lag einmal ein kleines Dorf, das aus lediglich drei Hufen (Höfen) bestand. Vom Ufer hat man noch immer einen Blick auf die Fasaneninsel und die etwas kleinere Liebesinsel.

Das Dorf war eine Holländersiedlung und wurde 1215 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Der Einfluss holländischer Einwanderer ist in Schleswig-Holstein vielfältig, so kennt man zum Beispiel die Holländer-Mühlen, und der alte Name für eine Käserei (Meierei) lautete Holländerei. Bereits im Jahr 1444 gab es das Dorf nicht mehr.

Die Ländereien waren im Besitz des Bischofs und gehörten zum Bauhof. Damit erlitt die Ansiedlung das Schicksal vieler Dörfer in Ostholstein, die aus den unterschiedlichsten Gründen ausstarben und „niedergelegt“ wurden.

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