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Ostholsteiner Anzeiger

23. August 2017 | 04:43 Uhr

Finnen lieben Kaffee und Kardamom

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der erste Monat im neuen Jahr ist mit neuer Wohnung und einem neuen Praktikumsplatz so schnell verflogen, dass ich nicht zum Schreiben gekommen bin. Obwohl ich Kulturarbeit studiere und mein Praktikum in einer Galerie absolviere, schreibe ich heute über etwas Bodenständigeres: finnisches Essen. Der Mensch lebt ja schließlich nicht von Kultur allein – wobei natürlich auch die lokale Küche zur Kultur eines Landes gehört.

Auf den ersten Blick mag die finnische Küche vielleicht langweilig und nicht so anders als die deutsche erscheinen, aber beim genaueren Hinschauen gibt es mehr zu entdecken als Salmiakki. Als Bäckerin-Tochter achte ich natürlich immer besonders auf landestypische Backwaren, davon gibt es in Finnland einige.

Auf der herzhaften Seite der Backwarenwelt gibt es zum Beispiel Lihapiirakka, eine Art frittierte Fleischpastete, und Karjalanpiirakka, karelische Piroggen, die aus Roggenteig hergestellt und mit Reis oder Kartoffelmus gefüllt werden. Sie sehen aus wie kleine Schiffchen. Traditionell werden sie mit einer Butter mit Eierstücken serviert.

Sogar richtiges Roggenbrot gibt es hier, das Deutsche im Ausland so oft vermissen. Auf Finnisch heißt Roggenbrot Ruisleipä und ist in verschiedenen Formen und Größen zu haben.

Auf der süßen Seite finden sich weniger Blechkuchen und Torten als eher süße Teilchen. Erwähnenswert ist die finnische Vorliebe für Kardamom. Vor meinem Finnlandaufenthalt war Kardamom für mich ein Gewürz, dass höchstens in Weihnachtsgebäck oder indische Gerichte kam, aber hier finden sich die herben schwarzen Körner in fast jedem süßen Teilchen.

Immer und überall gibt es Zimtschnecken, die auf Finnisch Korvapuusti (Ohrfeige) heißen. Sie ähneln den schwedischen Kanelbullar, sind jedoch anders gewickelt und haben eben Kardamom im Teig.

Am 5. Februar war in Finnland Runeberg-Tag. Johan Ludvig Runeberg gilt als finnischer Nationaldichter und schrieb unter anderem den Text zur finnischen Nationalhymne (Musik: Jean Sibelius). Zum Gedenken an Runeberg werden am 5. Februar, Geburtstag des Dichters, alle Fahnen gehisst und Runeberg-Törtchen gegessen.

Die Törtchen gab es allerdings schon seit Anfang Januar zu kaufen, und das war ein Glück, denn sie sind köstlich. Das zylinderförmige Gebäck enthält Haselnuss- und Mandelmehl und nach unterschiedlichen Rezepturen Sauerteigbrotkrumen, Orangeat und auch Kardamom.

Die noch bessere Version mit Rum wird Frederika genannt, nach der Frau Runebergs, die dieses Gebäck um 1850 herum erfunden haben soll. Der Legende nach aß Runeberg die Törtchen täglich. Ich kann das gut verstehen und vermisse die Runebergin-Torttu jetzt schon.

Zur Ablenkung gibt es auch schon seit Anfang des Jahres Laskiaispulla (auf schwedisch: Fastlagsbulle), bei der es sich um eine Verwandte der norddeutschen Heißewecke handelt. Allerdings ist die Laskiaispulla eher ein süßes Brötchen (natürlich mit Kardamom), welches mit Sahne und Mandelmasse oder Marmelade gefüllt wird.

Zum süßen Teilchen wird Kaffee gereicht. Natürlich gibt es auch Finnen, die keinen Kaffee trinken, aber allgemein ist Kaffee das Nationalgetränk. Der Pro-Kopf-Verbrauch der Finnen an Kaffee liegt bei zwölf Kilogramm pro Jahr, in Deutschland bei sechs Kilo (Quelle: Statsista).

Mit Kaffee ist in Finnland meistens Filterkaffee gemeint, der oft schwarz getrunken wird. Natürlich gibt es besonders in Helsinki auch viele Cafés, in denen es sehr gute Kaffeespezialitäten gibt, aber Filterkaffee ist und bleibt der Standard. Meistens ist dieser auch frisch gebrüht, wobei ich auch finnische Freunde habe, die ihren kalt gewordenen Kaffee ohne mit der Wimper zu zucken in der Mikrowelle aufwärmen.

Im Berliner Tagesspiegel verglich ein Journalist den Kaffeeverbrauch der Finnen mit dem der Engländer zum Tee. Dieser Vergleich gefällt mir sehr gut, denn tatsächlich wird hier in fast jeder Lebenssituation erst einmal Kaffee gekocht.

Am stärksten in Helsinki vertreten ist Paulig-Kaffee. Paulig gibt es auf der Design Week, im RKioski (der größten Kiosk-Kette Finnlands), bei McDonalds und in der
eigenen Coffeeshop-Kette. Auch im Supermarkt nimmt Paulig-Kaffee den größten Platz im Regal ein. Gustav Paulig, der Gründer des
Unternehmens, kam übrigens aus Lübeck und wanderte 1871 nach Finnland aus.

Ein weiterer Lebensmittelriese ist Fazer, der hauptsächlich für Schokolade, Salmiakki und andere Süßigkeiten bekannt ist und geliebt wird. Fazer wiederum wurde 1891 von dem Schweizer
Karl Fazer gegründet. Das Stammhaus in Finnland existiert heute noch. Obwohl Fazer mit über 15  000 Beschäftigten ein Konzern ist, wird er noch immer als Familienbetrieb geführt.

Und dann gibt es noch Mämmi. Dabei handelt es sich um einen gebackenen Malzpudding, der traditionell zu Karfreitag gegessen wird, aber auch schon jetzt in den Kühlregalen zu finden ist.

Ich habe bisher noch keinen Finnen getroffen, der Mämmi wirklich uneingeschränkt gerne mag. Die meisten essen es aus Tradition. Der Geschmack ist intensiv und erinnert wegen dem starken Malz- und Roggenaroma ein bisschen an Guinness-Bier. Um Mämmi ein bisschen milder zu machen, wird es mit Milch, Sahne oder Vanillesoße gegessen.

Besonders in Helsinki sind die Menschen aber auch offen für fremde Küche und zelebrieren ihre Neugierde auf andere Geschmäcker am Ravintola Päivä (Restaurant-Tag). Viermal im Jahr werden die Gastronomieregeln gelockert, und jeder darf sein eigenes Restaurant für einen Tag aufmachen. Nachdem ein Restaurant-Tag im November leider grau und nass war, hat der Sonnenschein im Februar viele Menschen auf die Straßen gelockt.

Mit ein paar anderen Austausch-Studentinnen hat es mich in das Szene-Viertel Kallio gezogen. Nach tibetischen Teigtaschen, französischer Quiche und finnischen Pfannkuchen musste ich einen langen Spaziergang machen und bin mit der Fähre auf die Insel Suomenlinna gefahren. Die ehemalige Festungsanlage ist heute Unesco-Weltkulturerbe und ein wunderbarer Ort, an dem man zwischen felsigen Hügeln spazieren gehen und Fähren nach Tallinn, Stockholm und St. Petersburg beobachten und dabei von der weiten Welt träumen kann.

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erstellt am 23.Feb.2015 | 17:25 Uhr

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