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Ostholsteiner Anzeiger

22. Oktober 2017 | 00:06 Uhr

Feuerwehren vor unsicherer Zukunft?

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

In der Gemeinde Bosau zehren die Freiwilligen Feuerwehren am ohnehin schon gebeutelten kommunalen Haushalt / Jetzt geht es um die Zukunft der Feuerwehren

von
erstellt am 01.Feb.2014 | 00:31 Uhr

Die Freiwilligen Feuerwehren retten, löschen und bergen. Sie übernehmen damit die gesetzliche Verpflichtung des mittlerweile sehr teuren Brandschutzes der Kommunen rund um die Uhr. Feuerwehrbedarfspläne erzählen den Kommunalpolitikern, wie es um ihre Feuerwehren bestellt ist und welche Ausgaben mittelfristig zur Sicherung des Brandschutzes auf sie zukommen werden. So stehen in der Gemeinde Bosau in den nächsten Jahren wichtige Entscheidungen an, die – bewusst oder auch unbewusst – über den Fortbestand mancher kleinen Ortswehr richtet. Die Gespräche beginnen Mitte Februar.

216 aktive Mitglieder zwischen 16 und 67 Jahren – darunter 22 Frauen – zählt die Bosauer Gemeindewehr. Das ist ein Spitzenwert auf Kreisebene, gemessen an der Einwohnerzahl. Doch verteilt auf acht Ortswehren sieht die Schlagkraft in der Gemeinde Bosau schon anders aus. Denn längst nicht alle Ortswehren in der Gemeinde erfüllen die gesetzlich festgeschriebene Mindestbesetzung von 27 aktiven Einsatzkräften. 18 Feuerwehrleute müssen es pro Ortswehr rund um die Uhr sein, neun weitere als Reserve. Kürzlich wurde in der Nachbargemeinde Malente die Bereitschaft der Ortswehr Neukirchen mit nur noch neun Aktiven beim Bürgermeister abgemeldet.

Ist das auch in der Gemeinde Bosau möglich? Wohl noch nicht. Die Ortswehr Majenfelde-Quisdorf kratzt als kleinste Wehr mit gerade noch 18 Aktiven an der Grenze. Es folgen die Ortswehren Braak-Klen-
zau (21), Wöbs-Löja-Bichel (22), Thürk (23), Bosau-Kleinneudorf (23), Liensfeld-Kiekbusch (33), Hassendorf (34) und Hutzfeld-Brackrade (42). „Leider gibt es nicht in jeder Ortswehr genügend Nachwuchs“, sieht Bosaus Gemeindewehrführer Andreas Riemke (Thürk) im OHA-Gespräch dunkle Wolken am Horizont. Die Ortswehren stellen mit 72 Atemschutzgeräteträgern etwa ein Drittel der Aktiven. Das zweite Drittel sind Fachkräfte und die Feuerwehrführung und das letzte Drittel befindet sich in der Ausbildung oder ist krankheitsbedingt nur eingeschränkt einsetzbar.

„Die Feuerwehr ist so aufgestellt, dass der ‚kritische Wohnungsbrand‘ in der gesetzlich festgeschriebenen Hilfsfrist von zwölf Minuten erreicht wird“, sagt Riemke. 17 Minuten nach der Alarmierung sollte die Person gerettet sein. Dafür stehen den 216 Feuerwehrleuten in den acht Ortswehren insgesamt zwölf Fahrzeuge und ein Boot zur Verfügung. Und wenn der „Rote Hahn“ zu groß ist oder die Einsatzstärke zu gering, kann sich Bosaus Gemeindewehr auf die Nachbarn verlassen. Wehren aus Eutin, Bösdorf und Plön stehen nach ausgearbeiteten Alarmplänen zur Hilfe bei Feuern oder Hilfeleistungen bereit.

Im Fuhrpark der Bosauer Ortswehren beginnt das Problem: Die Erneuerung der Fahrzeuge hat in den vergangenen Jahren schon viel Geld der Gemeinde verschlungen: 80 000 Euro 2006 in Thürk, 108 000 Euro 2010 in Majenfelde-Quisdorf, 176 000 Euro 2013 in Bosau und 14 500 Euro 2013 für ein gebrauchtes Fahrzeug in Liensfeld-Kiekbusch – erforderliche Arbeiten zur Vergrößerung der Einfahrten in den Feuerwehrhäusern und eigene Arbeiten an der Ausstattung gar nicht mit eingerechnet.

Weitere Erneuerungen des Fuhrparks stehen bevor: in Hassendorf 2015/16 etwa 120 000 Euro für den Ersatz eines 50 Jahre alten Fahrzeugs und in Hutzfeld-Brackrade 2017/18 etwa 200 000 Euro als Ersatz für das 50 Jahre alte LF 16 und im Jahr 2025/26 rund 350 000 Euro für ein Fahrzeug zur technischen Hilfeleistung. Andreas Riemke fürchtet, dass die neuen und modern elektronisch ausgestatteten Feuerwehrfahrzeuge nicht die Lebenserwartung haben wie die „Dinos“, die zum Teil noch in den Feuerwehrgaragen stehen und selbst gepflegt werden. Das heißt, die Gemeinde sollte rechtzeitig für ein neues Fahrzeug sparen.

Und überhaupt: Die Kosten für die Feuerwehrfahrzeuge haben sich nach Einschätzung von Riemke mit der Umstellung auf den Euro sogar verdoppelt. Dabei kann die Gemeinde auch über den Kauf gebrauchter Feuerwehrfahrzeuge nachdenken.

Kritisch könnte es für die Ortswehr Braak-Klenzau werden. Hier steht nach dem Bedarfsplan 2020 die Ersatzbeschaffung für das 25 Jahre alte Fahrzeug bevor. „Doch ein neues Fahrzeug wird nicht in die Garage des alten Feuerwehrhauses passen“, weiß Andreas Riemke. Das heißt: mit der Ersatzbeschaffung wäre auch der Bau eines neuen Feuerwehrhauses in Braak oder Klenzau erforderlich – wenn es denn politisch gewollt ist. Dabei hat sich die Gemeinde Bosau gerade von einem Teil des Feuerwehrhauses in Wöbs getrennt. Kritiker fürchten um den Ausverkauf der Feuerwehr. Dabei wird in Bichel-Wöbs-Löja für 2022/23 der Kauf
eines neuen TSF/W (rund 120 000 Euro) eingeplant.

Die Nachbarn aus Bösdorf haben die „Feuerwehr-Revolution“ schon hinter sich. Die Ortswehren Bösdorf, Kleinmeinsdorf und Börnsdorf-Pfingstberg sind zur Gemeindewehr Bösdorf zusammengewachsen. In Kleinmeinsdorf entstand 2010 ein nagelneues, modernes Feuerwehrhaus. Die verwaisten Gerätehäuser hat die Gemeinde schnell und gut verkaufen können. Es scheint, dass in Bösdorf um Wehrführer Volker Horst alle zufrieden sind.

Doch zurück in die Gemeinde Bosau, wo von einer Wählergemeinschaft, die es schon nicht mehr gibt, die Reduzierung der Ortswehren von acht auf nur noch drei Stützpunkte vorgeschlagen wurde und einen Sturm der Entrüstung auslöste. „Wir müssen um jede Ortswehr kämpfen“, sagt Andreas Riemke. Er fürchtet, dass 90 Prozent der Mitglieder einer Ortswehr nicht zu einem anderen Stützpunkt folgen werden und so Wehren komplett auseinander brechen. „Wenn wir in Bosau aus acht nur noch vier Feuerwehren machten, dann würden wir auch nur noch 150 Feuerwehrleute haben“, rechnet Andreas Riemke vor.

Die Rechnung würde auch insgesamt nur schwer aufgehen: es würden bei nur noch vier Ortswehren in Bosau zwar weniger Fahrzeuge benötigt, dafür müssten aber größere Fahrzeuge angeschafft werden, die dann in neuen, größeren Feuerwehrhäusern stehen müssten, um von dort aus innerhalb der Hilfsfristen agieren zu können. Außerdem würde sich die Belastung der Einsätze
eines jedes einzelnen Feuerwehrangehörigen erhöhen – mit allen persönlichen Belastungen auch für die Arbeitgeber.

Bosaus Gemeindewehrführer Andreas Riemke sieht in den nächsten zehn bis 20 Jahren noch ein gutes Potential für alle acht Bosauer Ortswehren. Für ihn steht die Freiwilligkeit an oberster Stelle: „Die Gemeinde könnte die Leistungen der Feuerwehr auch einkaufen und von den Bürgern über Gebühren refinanzieren.“ Aber dafür steht Riemke nicht. Er sieht noch Potential bei der Frauenquote in den Reihen der aktiven Mitglieder. Außerdem könnten mehr Spenden gesammelt oder Sponsoring ermöglicht werden. Die Feuerwehren haben eben keine Wünsche, sie erfüllen lediglich die gesetzlichen Vorgaben. Und die Verantwortung für alles trägt die Gemeindevertretung.

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