Corona-Lockdown : Eutiner Einzelhändler wollen zum Saisonstart im März öffnen

Sylke Becker hat ihr Geschäft „Hygge 14“ erst im Sommer eröffnet und hofft nun, die Frühjahrsmode bald möglichst wieder direkt und nicht nur übers Netz verkaufen zu können.
Sylke Becker hat ihr Geschäft „Hygge 14“ erst im Sommer eröffnet und hofft nun, die Frühjahrsmode bald möglichst wieder direkt und nicht nur übers Netz verkaufen zu können.

„Hygge 14“, „Piconaja Men“ und „Cabel Car Clothiers“ erreichen Kunden online. Doch das reicht gerade noch für Fixkosten.

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24. Januar 2021, 09:50 Uhr

Eutin | Corona-Regeln sind ungerecht. Im zweiten Lockdown wird das noch deutlicher als im ersten. Wer dieser Tage mit offenen Augen durch die Stadt läuft, kann die Frustration vieler Einzelhändler verstehen, die ihr Geschäft seit Dezember geschlossen haben müssen, vor Drogeriemärkten und Discountern aber volle Parkplätze sehen.

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„Wir haben ein wirklich gutes Hygienekonzept, können lüften und Kunden waren und wären verständig, wenn wir sie vor der Tür warten ließen, weil schon zwei Leute im Geschäft sind“, erklären alle befragten Textil-Einzelhändler der Innenstadt unisono.

Abholung im Geschäft: Kunden nutzen „Click und Collect“

Ob das erst im Sommer eröffnete „Hygge 14“, „Piconaja Men“ oder „Cabel Car Clothiers“ – sie haben, wie eigentlich alle im Lockdown, ihren Online-Bereich ausgebaut oder gar einen eigenen Shop im Netz angelegt. Die Kunden können selbst entscheiden, ob sie Ware im Laden abholen oder nach Hause geschickt bekommen möchten gegen Versandgebühren. Doch viele entscheiden sich fürs Selbstabholen und genießen den kurzen Moment des menschlichen Austausches.

Tim-Philipp Dreyer zeigt neue Pullis von Gant: Die Menschen kauften bequemere Kleidung. Für Anzüge und Hemden gebe es derzeit keinen Anlass, sagt Dreyer.
Constanze Emde
Tim-Philipp Dreyer zeigt neue Pullis von Gant: Die Menschen kauften bequemere Kleidung. Für Anzüge und Hemden gebe es derzeit keinen Anlass, sagt Dreyer.

 „Der Kunde kommt rein, bezahlt, nimmt seine Tüte und geht. Warum man ihn dann bei offenem Fenster nicht auch noch probieren lassen kann, ob die Hose passt, verstehe ich bei unseren Hygienekonzepten nicht“, sagt Tim-Phillip Dreyer von Piconaja Men und ist mit der Meinung nicht allein. „Während Supermärkte ihren Textilbereich aufstocken und die Menschen dort zwar mit Maske aber allzu oft ohne Abstand unterwegs sind, kämpfen wir ums Überleben“, sagt Dreyer. Online wirklich gut zu sein, bedeute sich Fachwissen über einen zweiten Geschäftszweig aneignen zu müssen.

Noch reicht es gerade so zur Deckung der Fixkosten

Von „Click und Collect“ oder dem sogenannten „Schaufenster-Shopping“, bei dem Kunden telefonisch, per Whatsapp oder E-Mail um das gesehene Teil in einer bestimmten Größe bitten, um es dann im Geschäft abzuholen, machten glücklicherweise einige Menschen Gebrauch. Viele Geschäftsleute sind zu bestimmten Präsenzzeiten von Montag bis Samstag in ihren Läden, um dann mit den Kunden Ware gegen Geld zu tauschen –nur kurz, mit Maske, ohne Anprobe. „Es reicht zum Glück zum Decken der Fixkosten und ich freue mich, das es so gut angenommen wird. Aber acht Wochen halte ich das nicht durch“, sagt Sylke Becker vom Hygge 14.

Puffer aus vergangenem Sommergeschäft schwindet

Regine Mix aus der Königstraße zehrt noch vom relativ guten Sommer. „Da haben wir zum Glück einen kleinen Puffer schaffen können, dank der Touristen und Eutiner. Aber der schmilzt zusehends. Ich hoffe, das wir im März wieder aufmachen können“, sagt die Inhaberin von Cable-Car-Clothiers. Das hofft auch Dreyer, der wie andere schon im vergangenen Jahr im ersten Lockdown auf das Ostergeschäft verzichten musste.

Regine Mix möchte so bald wie möglich die Tür wieder für die Kunden öffnen. Jede Woche kleidet sie die Schaufensterpuppen neu an und freut sich, wenn Kunden anrufen, um dann bei ihr das Gesehen zu kaufen.
Constanze Emde
Regine Mix möchte so bald wie möglich die Tür wieder für die Kunden öffnen. Jede Woche kleidet sie die Schaufensterpuppen neu an und freut sich, wenn Kunden anrufen, um dann bei ihr das Gesehen zu kaufen.

Einzelhändler wollen nicht nochmal aufs Ostergeschäft verzichten

Da habe er dann, um auch seine privaten Fixkosten decken zu können, einen zweiten Job angenommen. „Die Saison geht im März los, spätestens Ostern. Dann kommt die Ware und die Rechnungen wollen bezahlt werden. Um das zu erwirtschaften, haben wir aber nur bis August, weil dann schon wieder Herbst/Winter-Mode beginnt“, sagt Dreyer.

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Lockdown, öffnen, Lockdown, öffnen – das verkrafte keiner über längere Zeit. „Da kommt man dann irgendwann auf die Frage, wenn online irgendwann zielgerichtet läuft und ausreicht, brauch ich dann mein Geschäft in 1a -Lage noch oder reicht mir eine günstige Lagerhalle?“, fragt Dreyer. Aber er lebe für den stationären Einzelhandel, den direkten Kundenkontakt. Doch was früher mal das ein oder andere Plus in der Kasse ausgemacht habe, durch sogenannte „Nebenbei-Käufe“, weil Kunden was sehen und es mitnehmen, falle jetzt komplett weg.

„Und wer weiß, wie die Saison anläuft, wenn wir öffnen dürfen. Die Menschen müssen doch alle aufs Geld schauen, nicht nur wir.“ Für das, was ihn ausmache – Herrenkonfektion, Anzüge und Hemden oder hochwertige Bekleidung – fehle derzeit der Anlass. „Ich verkaufe Jogginganzüge und bequeme Hoodies. Freizeitlook“, sagt er.

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