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Ostholsteiner Anzeiger

19. November 2017 | 19:13 Uhr

Eutin im Umbruch – Chance nutzen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Mehr als zehn Läden stehen in der Innenstadt leer / Nachfolgersuche schwer / Handelsverband: Kunden wollen Kauferlebnis

shz.de von
erstellt am 29.Jun.2017 | 12:44 Uhr

„Räumungsverkauf“, wohin das Auge reicht: Was das große Kaufhaus per Banner über der Peterstraße als Werbemittel nutzt, ist für Sport-Mielke und Schuhladen Gröll ein paar Häuser weiter bittere Realität. Und das sind nur die neuesten bekannten Geschäftsaufgaben. Hinzu kommt das Traditionshaus Massur, das ebenfalls Räumungsverkauf macht, die beiden Geschäfte der insolventen Strucks Fashion GmbH, der leere Telefonanbieter in der Peterstraße und die schon bekannten und verkommenden Dauerleerstände, bei denen der Stadt die Hände gebunden scheinen.

„Es wird mir schwer fallen, Freitag die Tür für immer abzuschließen“, sagt Helga Gröll. Seit ihrem 15. Lebensjahr arbeitete sie im Familienunternehmen mit, das 1905 in Hamburg gegründet und nach dem Ausbomben durch den Krieg in Eutin ansässig wurde. Einen Nachfolger habe sie nicht gefunden. „Da spielt vieles eine Rolle“, sagt sie und deutete auf die geringe Größe der Verkaufsfläche und den wachsenden Online-Handel hin. Ihre vor allem ältere Stammkundschaft bedauert bei den letzten Käufen das Schließen des Geschäfts am Markt, „aber es geht gesundheitlich nicht anders“, sagt die betagte Dame, die ihr Alter nicht nennen mag.

Kevin Heinrich von Sport-Mielke schließt nach 13 Jahren am 19. August die Türen in der Peterstraße für immer, bisher lockt der Räumungsverkauf viele Kunden. Den Online-Handel sieht der 39-Jährige, anders als ältere Geschäftstreibende, eher als Chance: „Die Kunden informieren sich im Netz und kommen mit konkreten Vorstellungen. Merken sie dann unser Fachwissen, sind sie zufrieden und kommen wieder.“ Die Kundschaft habe sich geändert, auch durch den demografischen Wandel in Eutin. „Das ist keine junge Stadt“, so Heinrich. Und speziell für Jugendliche fehle das Angebot. Sein Umsatz sei abhängig vom Tourismus und der wiederrum ist ans Wetter gekoppelt, so seine Erfahrung. Einer der Hauptgründe für die baldige Schließung seines Geschäfts ist aber das Lieferanten-Problem: „Die beliefern nur Geschäfte mit Flächen von 500 Quadratmetern aufwärts.“ An Top-Modelle gerade bei Schuhen sei mit seiner Ladengröße nicht mehr zu kommen, doch er habe Vielfalt bieten und nicht nur die Palette einer Firma abbilden wollen. Auf der sogenannten Ladenbörse, einst von Kerstin Stein-Schmidt aus dem Stadtmarketing ins Leben gerufen, habe er geschaut, was Eutin an Alternativen bietet: „Aber da gibt es nur ein Angebot, der ehemalige ‚Ihr Platz‘ und da war der Kontakt nicht mehr aktuell“, so Heinrich.

Im Café in direkter Nachbarschaft zum Sportgeschäft sind seit Pfingsten die Lichter aus: „Wir haben uns das anders vorgestellt, aber es lohnt sich nicht. Die Umsätze waren einfach zu gering“, sagt Hans-Peter Klausberger. Derzeit suche er einen Nachmieter.

Für Hans-Wilhelm Hagen, Vorsitzender der Eutiner Wirtschaftsvereinigung, ist das nicht der Beginn des Abstiegs, sonder der Umbruch: „Wir müssen die Strukturveränderung gemeinsam lösen, das geht nur in Zusammenarbeit mit den Hauseigentümern, Vermietern, der Stadt und auch Partnern wie der IHK.“ Es brauche Workshops und externe Berater, so Hagen. Aus Sicht des Einzelhandelsverband Nord seien die Probleme der Geschäftstreibenden vielfältig, angefangen von Online-Handel über demografischen Wandel bis hin zur grünen Wiese: „Die Händler in den Städten müssen ihre Chance gegenüber dem Internet nutzen, den Kunden einen Mehrwert, ein echtes Kauferlebnis bieten, sich fragen, weshalb bin ich besser als das Netz“, sagt HV-Nord Geschäftsführerin Mareike Petersen. Sie empfiehlt, online auffindbar zu sein, eine eigene Homepage brauche es dazu nicht zwingend.

Es gibt aber auch ein paar Mutige, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, so wie der Eutiner Olaf Frieborg mit seiner Frau Marina, die seit November 2016 „Stoff mit K(n)öpfchen“ in der Lübecker Straße betreibt. „Wir haben wirklich Glück gehabt, bei unserer Suche aber auch in der Peterstraße 40 Quadratmeter gesehen, die 1500 Euro kalt kosten sollten“, berichtet Frieborg über horrende Mietvorstellungen von externen Eigentümern. Da gelte eher, entweder teuer verpachtet oder gut in den Büchern abgeschrieben. Dies sei ein Problem, so Bürgervorsteher Dieter Holst, das die Gesetzgebung auf Bundes- oder europäischer Ebene dringend lösen muss: „Solange Eutin die Handlungsgrundlage fehlt, werden solche Immobilien-Schandflecke, die steuerrechtliche Vorteile bringen, auch in unserer Stadt leider dazu gehören.“

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