Eutin feiert den Blues – letztmalig?

Ließ es gestern Abend ziemlich rockig angehen: Danny Bryant.
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Ließ es gestern Abend ziemlich rockig angehen: Danny Bryant.

Die Fans freuen sich über ein Festival bei fantastischem Pfingstwetter und bangen zugleich um die Zukunft der Veranstaltung

shz.de von
21. Mai 2018, 13:52 Uhr

Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Sollte sich diese Volksweisheit nach 29 Jahren am Eutiner Bluesfestes bewahrheiten? Das Publikum erlebte über die Pfingsttage auf dem Markt ein Internationales Bluesfest, bei dem die insgesamt 14 Bands und das fantastische Frühlingswetter darum wetteiferten, wer es besser mit den – abends jeweils um die 3000 – Zuschauern meinte. „Wir haben das Fenster ,warm, leichter Wind und trocken‘ optimal erwischt“, frohlockte Bluesfest-Organisator Helge Nickel. Nach seiner Erinnerung ist es mindestens 13 Jahre her, dass es durchgehend trockenes Wetter zum Bluesfest gegeben hat.

Entsprechend ausgelassen war die Stimmung unter den Bluesfreunden. Ob es die US-amerikanischen Bluesrocker der „Altered Five Blues Band“ war, die dänische Band „Paragraph 8ight“ mit ihrem Rhythm’n’Blues oder „Greyhound’s Washboard Band“ aus Deutschland mit Traditional Blues: Sie alle begeisterten und brachten die Zuhörer in Bewegung – oder machten sie mucksmäuschenstill: So wie der britische Singer-Songwriter Sean Webster, als er gestern Nachmittag mit seiner an Joe Cocker erinnernden Stimme eine unglaublich gefühlvolle Ballade anstimmte und dem Publikum Gänsehautschauer über den Rücken jagte. Und wenn auf der großen Open-Air-Bühne Schluss war, ging es im Brauhaus weiter.

Ganz im Gegensatz zum sonnigen Wetter hängen über der Zukunft des Eutiner Bluesfestes dunkle Wolken, was den eingefleischen Fans nicht verborgen geblieben war. Grund ist die Mitte April ausgesprochene Drohung des Trägervereins „Baltic Blues“ unter seiner Vorsitzenden Barbara Bloch, das Internationale Bluesfestival „Blues Baltica“ und die Blues-Challenge sterben zu lassen, wenn sich am Umgang des Rathauses und der Stadtvertretung mit dem Verein nichts ändere. An diesem Vorstandsbeschluss habe sich nichts geändert, erklärten Nickel und Bloch unisono.

„Ich habe davon aus dem Deutschlandfunk erfahren“, berichtete Angelika Knop. Die 58-jährige Hamburgerin kehrt seit 2010 regelmäßig zum Bluesfest in ihre Geburtsstadt zurück. „Die Vorstellung, dass es das letzte Bluesfest gewesen sein könnte, finde ich ganz unerträglich, weil das so ein schönes Festival hier in der Altstadt von Eutin ist“, sagte sie. Ähnlich erging es Mo Tschache aus Bielefeld bei ihrem vierten Bluesfest-Besuch. Das drohende Aus stimme sie traurig: „Ich gehe auf viele Festivals und sehe, was hier mit viel Liebe und Energie passiert“, sagte die 60-Jährige. In Eutin habe sich mit den Jahren eine richtige Bluesfest-Familie entwickelt. Das Festival biete eine große Vielfalt mit immer neuen Bands, die überraschten.

Rainer Werdt, der in Kellinghusen selbst als Veranstalter wirkt, hat das Bluesfest in den vergangenen Jahren schätzen gelernt. Es treffe zwar nicht alles seinen Geschmack, doch: „Schlechte Gruppen gibt es hier nie“, lobte der 64-Jährige. Sein Begleiter, Dieter Sauerzweig aus Neumünster hofft, dass Stadt und Veranstalter sich noch einigen: „Dass das Bluesfest woanders stattfindet, kann nicht sein“, findet der 61-Jährige.

Internationale Auszeichnungen sind Beleg der Bluesfest-Qualität. Gestern Abend kam eine weitere hinzu. Das französische Online-Magazin „Zicazic“ zeichnete das Bluesfest als „Internationales Festival des Jahres 2017“ aus. Und es gab eine gute Nachricht für Radiohörer. Der Deutschlandfunk hat die Konzerte diesmal zwar nicht selbst aufgezeichnet, aber der Verein Baltic Blues. Er wird dem Sender die Aufzeichnungen zur Verfügung stellen.

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