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Ostholsteiner Anzeiger

19. Oktober 2017 | 17:19 Uhr

„Europäer haben Uhren, Araber Zeit“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die Eutinerin Heike Thee arbeitet am Goethe-Institut Kairo / Begeisterung für die arabische Lebenslust – aber auch Kritik / Jeder Tag ist viersprachig

shz.de von
erstellt am 18.Sep.2013 | 00:34 Uhr

Demonstrationen, Ausschreitungen, Tote. Zuletzt Berichte über ein Attentat auf Innenminister Mohammed Ibrahim – in der ägyptischen Gesellschaft rumort es kräftig. Die Auseinandersetzungen zwischen den Muslimbrüdern um den gestürzten Präsidenten Mursi auf der einen Seite und der Übergangsregierung mit General Al-Sisi auf der anderen Seite haben Anfang August zahlreiche Opfer gefordert. Mitten-drin lebt Heike Thee. Die 30-
jährige Eutinerin arbeitet als
Bildungskoordinatorin für das Goethe-Institut Kairo. Im Interview mit unserem Mitarbeiter Steffen Kahl spricht sie über den Alltag in dem muslimisch geprägten Land, die Bedeutung von
Facebook und über Angst.

Heike, in einem Facebook-Post hast du im August deinen Freunden mitgeteilt, dass sie sich keine Sorgen um dich machen müssen – bist Du gar nicht in Gefahr, hast Du keine Angst?

Ich habe bis jetzt erst eine
unangenehme Situation erlebt. Da war ich am Spätnachmittag mit dem Taxi auf dem Nachhauseweg. Ausnahmsweise hatte ich auf Twitter – eine sehr wichtige Informationsquelle – keine Warnung bezüglich neuer Demonstrationen gelesen. Plötzlich stand mein Taxi mitten in einer Demonstration von Anhängern der Muslimbrüder. Da war mir schon ein wenig mulmig zumute. Aber nach etwa einer halben Stunde konnte mein Taxi ohne Zwischenfälle normal weiter fahren. Insgesamt gesehen bin ich hier sicherlich nicht in akuter Gefahr, die besteht eher in anderen arabischen Ländern. Ich denke, dass mir auch eine intuitive Vorsicht, ein gesunder Menschenverstand sowie meine Kenntnisse der hiesigen Gegebenheiten helfen, wirklichen Gefahrenquellen aus dem
Weg zu gehen.

Wie wichtig ist Facebook, wie funktioniert die Kommunikation im Allgemeinen? Wie stellt sich die aktuelle Situation für dich dar?

Über Facebook kommuniziere ich mit Freunden; Skype und Ähnliches benutze ich, um mit engeren Freunden und meiner Familie im Kontakt zu bleiben. Twitter, wie gesagt, ist auch wichtig. Die Bedeutung von Facebook hat sich für mich stark gewandelt: Früher war es für mich ausschließlich ein unterhaltsames Medium, um mit meinen Freunden zu kommunizieren, die überall auf dem Globus verteilt sind. Seit Beginn der Proteste im arabischen Frühling, also seit Dezember 2010, wird es für mich immer mehr zu einer Plattform, auf der auch politischer Meinungsaustausch stattfindet. Aber allgemein findet Kommunikation in arabischen Ländern überwiegend persönlich statt. Überhaupt sind Ägypter viel geselliger als Nordeuropäer. Auch bei beruflichen Treffen nimmt man sich viel Zeit und tauscht sich über persönliche Dinge oder aktuelle gesellschaftspolitische Themen aus. Das erfordert gerade von Deutschen sehr viel Geduld. Das Sprichwort „Die Europäer haben die Uhren, wir (die Araber) haben die Zeit“ drückt dies ganz treffend aus.

Und wie macht sich die gesellschaftliche Unruhe bemerkbar? Herrscht Chaos?

Besonders verkehrstechnisch. Kairo ist eine Stadt, die immer gewachsen ist ohne einer erkennbaren Stadtplanung zu unterliegen. Dementsprechend unübersichtlich ist die Straßenführung. Und zu den sieben Millionen Kairinern kommen täglich zahllose Arbeiter aus den umliegenden Provinzen. Diese Verkehrssituation hat sich durch die politischen Ereignisse noch verschlechtert. Allerdings wurde zuletzt der Beginn der Ausgangssperre von 19 auf 21 Uhr verlegt. Das ist eine große Erleichterung, weil man nun auch wieder nach Feierabend noch Freunde treffen oder andere Freizeitangebote in Anspruch nehmen kann. Normalerweise hätten aber selbst Lebensmittelgeschäfte bis nachts geöffnet. Bis 2 oder 3 Uhr auf der Straße, in einem Restaurant oder in einer Bar zu sein, ist hier normalerweise üblich. Derzeit schließen die Geschäfte eine Stunde vor Beginn der Ausgangssperre. Dann hört man bald kein einziges Hupen, keine Stimmen mehr und das sonst so lebendige Kairo fällt bis zum nächsten Morgen um 6 Uhr in eine Totenstille.

Wie kamst Du nach Ägypten, woher kommt deine Faszination für die islamische Kultur?

Während eines Schüleraustauschs mit Frankreich bin ich mit der arabischen Sprache – die in Frankreich an Gymnasien fakultatives Unterrichtsfach ist – und mit dem Islam zum ersten Mal in Kontakt gekommen. Persönliche Kontakte, meine Reiselust sowie mein Wunsch, weitere Fremdsprachen zu lernen und neue Kulturen zu entdecken, haben mein Interesse an der islamischen Welt gestärkt und mich zur Wahl meiner Studienfächer bewegt. Das schöne an der Kultur in islamischen Ländern ist für mich die Großzügigkeit der dort lebenden Menschen, ihre Lebenslust sowie eine große Offenheit gegenüber anderen Kulturen. Ägypter haben kein Problem damit, jemanden, den sie gerade erst kennen gelernt haben zum Essen oder zu einem Glas Tee einzuladen. Eine Einladung zu jemanden nach Hause wird hier auch sehr viel schneller ausgesprochen als in Deutschland. Und in einem Straßencafé kann es auch mal passieren, dass man mit einem Freund anfängt, eine Partie Backgammon zu spielen und sich dann mitten in einem Turnier mit mehreren anderen Café-Besuchern wiederfindet. Kairiner sind außerdem nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Arabische Aussprüche
wie „ma’alish“ (macht doch nichts!), „Bukra, insha’alah“ (Morgen, so Gott will!) drücken dies ganz gut aus. Und außerdem lachen die Ägypter eigentlich immer – egal wie schwer
ihre Lebenssituation ist. Witze sind ein wichtiger Bestandteil der ägyptischen Kultur.

Wie sieht dein Alltag aus?

Mein Alltag besteht größtenteils aus Arbeit. Aber Kairo hat kulturell einiges zu bieten. Viele europäische Länder besitzen vor Ort ein Kulturinstitut und bieten regelmäßig ein buntes Programm an, das aus Filmen, Vorträgen, Diskussionen, Ausstellungen, Theaterstücken und Konzerten besteht. Aber es gibt natürlich auch zahlreiche ägyptische Kunst- und Kulturinstitutionen sowie unabhängige Künstler. Genauso wie Bars und Clubs, in denen man Bier trinken und tanzen kann.

Ich habe sowohl ägyptische Freunde, die meist sehr Deutschland-affin sind, und solche, die in anderen europäischen Kultur-, Bildungs- oder Entwicklungsorganisationen arbeiten. Jeden Tag benutze ich viele Sprachen: Bei meiner Arbeit dient Hocharabisch zur Auswertung arabischer Dokumente, mit meinen Kolleginnen und Kollegen spreche ich Deutsch und mit Arbeitspartnern Arabisch, Deutsch oder Englisch. Privat benutze ich außerdem noch Französisch.

Ist Ägypten schon ein richtiges Zuhause für dich?

Ich habe schon als Studentin ein Jahr in Ägypten verbracht und Freundschaften geknüpft, die ich immer noch pflege. Ägypten ist mir vertraut – meine Heimat ist es jedoch nicht. Das ist mir dieses Jahr während meiner Sommerferien an der Ostsee in Schleswig-Holstein wieder einmal bewusst geworden.

Auch werden mir Gegebenheiten und Werte der deutschen Gesellschaft, wie Meinungsfreiheit, der Respekt der Frau und relative Chancengleichheit immer wichtiger.
Dies sind Werte, für die in
der ägyptischen Revolution gekämpft wurde, die sich bisher in der hiesigen Gesellschaft aber noch nicht etabliert haben.

Abgesehen von der aktuellen Situation – wie funktioniert das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Ägypten?

Christliche und muslimische Ägypter gehen ganz normal miteinander um. Sie leben und arbeiten zusammen und respektieren sich gegenseitig. Die massiven Anschläge auf Kirchen und christliche Kultureinrichtungen während der letzten Ausschreitungen haben alle Ägypter erschüttert. Es ist wichtig zu beachten, dass bisher noch nicht klar ist, wer in den einzelnen Vorfällen die Täter waren. Die ägyptische Gesellschaft ist nach den letzten Protestwellen in diejenigen, die die Muslimbrüder und diejenigen, die General Al-Sisi unterstützen, gespalten. Auch bei anderen gewalttätigen Übergriffen neigen viele Ägypter dazu, vorschnell die Anhänger des gegnerischen Lagers zu beschuldigen. Ich denke, unabhängige Nachforschungen sind hier gefragt. Nur anhand dieser kann eindeutig festgestellt werden, wer die wahren Täter und Opfer waren.
In Deutschland wurden zuletzt islamkritische Äußerungen laut – kommt so etwas in Ägypten an?

Natürlich haben islamfeindliche, rechtspopulistische Äußerungen aus Deutschland auch Einfluss auf das Bild, das Ägypter von Deutschland haben. Hier ist, wie auch beim Bild, das Deutsche sich von Ägyptern machen, Dialog und Aufklärung besonders wichtig. Beiden Seiten sollte durch intensive Gespräche und Austausche klar gemacht werden, dass sowohl die deutsche als auch die ägyptische Gesellschaft heterogen sind und nicht durch Äußerungen und Taten von Minderheiten vorschnell interpretiert werden sollten. Besonders die letzten Wochen haben gezeigt, dass dem interreligiösen und interkulturellen Dialog eine große Rolle zugeschrieben werden sollte.

Haben denn die Auseinandersetzungen in Ägypten einen religiösen Hintergrund?

Bei den derzeitigen Konflikten handelt es sich nicht um eine antichristliche Bewegung. Die ägyptische Gesellschaft besteht zu etwa 90 Prozent aus Muslimen. Das bedeutet, dass auch viele der Gegner der Muslimbrüder dem Islam angehören. Wohl sind die Befürworter der derzeitigen Übergangsregierung gegen die Etablierung eines Gottesstaates. Das für die Verteidigung dieser Position jedoch auch die Anwendung von Gewalt akzeptiert und eine sehr gewaltbereite Haltung gegenüber den Muslimbrüdern eingenommen wird, ist meiner Meinung nach der eigentliche Grund zur Besorgnis.


Die hier gemachten Stellungnahmen spiegeln die rein persönlichen Einschätzungen von Heike Thee wider.



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