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Eutin : „Europa reagiert meistens zu spät“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ein Gastredner aus der Ukraine sorgt für vollen Saal bei der Europa-Union im Eutiner Schloss. Der Publizist Juri Durkot erläuterte den Konfliktherd seines Landes mit Russland.

Es gibt keine Rezepte, die eine schnelle Lösung der internationalen Krise um die Ukraine ermöglichen. „Wegschauen hilft aber auch nicht“, beschwor Juri Durkot seine Zuhörer im prell gefüllten Rittersaal im Eutiner Schloss, weiterhin Anteil an der Entwicklung in seiner Heimat zu nehmen.

Groß wie selten zuvor war das Publikumsinteresse an der Traditionsveranstaltung der Europa-Union im Schloss, diesmal unter dem Titel „Die Ukraine und Europa – zwischen Illusionen und Realität“. Das wertete die Kreisvorsitzende Herlich Marie Todsen-Reese als Beleg für die drängende Aktualität des Themas. Als Referenten hatte sie den Publizisten Juri Durkot gewonnen, der in Lwiw (ehemals Lemberg) in der Ukraine lebt und von 1995 bis 2000 Pressesprecher an der Botschaft seines Staates in Deutschland war.

Durkot setzte in seinem einstündigen, im exzellenten Deutsch gehaltenen Vortrag auf eher nachdenkliche Töne. Er brachte das Schicksal seines Landes, von Hitler und Stalin rücksichtlos zur Beute gemacht worden zu sein, ebenso in Erinnerung wie den langjährigen Versuch, mit der Europäischen Union ein Assoziierungsabkommen zu schließen.

Dorkut ließ es bei aller Zurückhaltung aber nicht an deutlichen Worten mangeln. So machte er einerseits den „Neo-Imperialismus“ des russischen Präsidenten Putin und dessen wie in alten Sowjetzeiten funktionierende „Propagadamaschine“ für die dramatische Zuspitzung der Lage in Teilbereichen der Ukraine verantwortlich. Andererseits verschärften Fehlentscheidungen der aktuellen Übergangsregierung in Kiew, vor allem aber auch die Machtgier der durch den Gashandel emporgekommenen Oligarchen die Konflikte.

Nachdrücklich warnte Durkot davor, die pro-russische Stimmung in der Ukraine für allgegenwärtig zu halten. Am Referendum auf der Krim habe sich nur ein Drittel der Bevölkerung beteiligt. Selbst im Osten des Landes gebe es etliche Regionen, in denen die Menschen keinen Anschluss an Putins Reich wünschten. Und in der Westukraine blicke man hoffnungsvoll nach Europa.

Die Europäische Union allerdings habe aus Interesse an reibungsloser Gasbelieferung aus Russland lange nicht richtig hingeschaut, welcher Konfliktstoff sich mit Putins Staatsherrschaft bei den Demokratisierungswünschen der ukrainischen Zivilgesellschaft anbahne. Wörtlich: „Eine demokratische Ukraine ist eine Gefahr für Putins Regime.“ Der russische Präsident sehe nicht den Zweiten Weltkrieg, sondern den Zerfall der Sowjetunion nach 1989 als größte Katastrophe seines Staates im 20. Jahrhundert an und wolle dies rückgängig machen. „Russland denkt geopolitisch, Europa nicht“, betonte Durkot. Und: „Europa reagiert meistens zu spät.“ Nicht zuletzt deshalb herrsche in den baltischen Ländern und in Polen derzeit Alarmstimmung: „Wer solche historischen Erfahrungen mitbringt, hat ein anderes Verhältnis zum Putin-Imperialismus.“ Durkot zeigte sich skeptisch über den neuen Vorstoß von Bundesaußenminister Steinmeier für weitere Verhandlungen in Genf: „Russland ist nicht bereit zur De-Eskalation.“ Schärfere Wirtschaftssanktionen des Westens seien keine gute Lösung, aber nach Lage der Dinge vielleicht doch angebracht: „Sonst wird es noch teurer.“

Das gelte vor allem im menschlichen Bereich. Denn viele Bürger der Ukraine seien jetzt wegen der politischen Auseinandersetzungen gezwungen, zur eigenen Sicherheit ihre Lebensumstände zu ändern. Das bringe viel Leid mit sich, sorgte Durkot für Beklommenheit.

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erstellt am 06.Mai.2014 | 14:46 Uhr

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