Eutin : Europa beim Psychotherapeuten

Der Stuhlberg steht im Stück für den Problemberg, den die Länder zu lösen haben.
Der Stuhlberg steht im Stück für den Problemberg, den die Länder zu lösen haben.

Publikum ist begeistert von Katja Hensels Stück, das die Familienaufstellung ebenso parodiert wie die EU-Verhandlungen. Rosemarie Schrick schrieb für den OHA eine Kritik.

shz.de von
21. Oktober 2018, 18:32 Uhr

„Grenzen ziehen zu können, ist die einzige Möglichkeit, glückliche Beziehungen zu leben.“ So dozierte am Samstagabend im „Binchen“ die „Familientherapeutin“ in dem Stück „Borderliner“, geschrieben von Katja Hensel, die selbst die Therapeutin spielte.

Zu einer EU-Familienaufstellung waren europäische Länder, „Familienmitglieder“ der EU, geladen, um an ihren Grenzen zu arbeiten, an ihren „Borderlines“. Damit, so stellte sich schnell heraus, waren aber nicht nur die Landesgrenzen gemeint, sondern durchaus im Sinne der psychischen Persönlichkeitsstörung innere Spaltung, Zerrissenheit, ein gestörtes Selbstbild und Ängste vor instabilen Beziehungen. Also genau das, worunter europäische Staaten mehr oder weniger ausgeprägt leiden und was die „Familie“ EU in eine Krisensituation bringt.

Wie immer bei solchen Anlässen waren längst nicht alle Staaten der Einladung gefolgt, obwohl heute jedes Land an sich arbeiten müsste. Die aber, die anwesend waren, hatten in vielerlei Hinsicht gut zu tun. Zypern war gekommen, seine Nordhälfte zu integrieren, Finnland bangte um seinen Wald, Spanien, Tschechien, im Psychojargon gespalten zwischen Kopf und Bauch, Großbritannien, das gern noch einmal an die Vorzüge des Kolonialismus erinnerte, Polen mit seinen vielfältigen Problemen. Und schließlich stellte sich die Therapeutin für Europa, die im Übrigen sehr schnell an ihren eigenen Grenzen angekommen war, als Deutschland heraus, das die eigene Spaltung noch nicht verarbeitet hat, sich die alleinige Schuld am Untergang Europas gab und sich gleichzeitig sagen lassen musste, es möge nicht andere Länder wie Vororte Deutschlands behandeln – aberwitzig.

Voller Sprachwitz und Wortspielerei benutzt Katja Hensel psychotherapeutische Termini, spielt gekonnt mit doppelten Bedeutungen „In welcher Verfassung sind Sie denn?“ oder „Jetzt bekommt jeder ein bisschen Knete...“, um eine Problematik auszudrücken, die später von der Therapeutin interpretiert wird. Hensel parodiert hierbei sowohl die Familienaufstellung nach Hellinger als auch EU-Verhandlungen mit einem Schlag. Gewagt. Gelungen.

Aufgeführt wird das Stück von keinem festen Ensemble, sondern wechselnden Schauspielern. Das aber merkt man nicht. Die Akteure sind gut aufeinander eingespielt und vermitteln den Spaß, den sie selbst an dem Theater haben, überzeugend.

Am Ende erteilt die Therapeutin den Ländern die Aufgabe, sich den Problemen der Welt zuzuwenden, die die Europäische Gemeinschaft von außen bedrohen. Die stellen sie mit Stühlen auf und stapeln sie. So entsteht ein Berg von Stühlen, der im Verhältnis zur Größe der Länder unüberschaubar hoch geworden ist. Spätestens jetzt kippt die Komik, die den ganzen Abend hindurch das begeisterte Publikum unterhielt, in ein besorgtes Innehalten.

Man wird sehen, ob es eine weitere Fortsetzung der Reihe über Europa, die mit dem Stück „Wie Europa gelingt“ begann, geben wird. Das Publikum würde es freuen und es bleibt die Hoffnung, dass die nächste Folge kein Desaster zum Thema hat.



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