Es war die Nachtigall und nicht die Lerche...

Ein weißer Pfau in einem Kloster auf der griechischen Insel Lesbos –  ein bildliches Beispiel des „Handicap-Prinzips“.
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Ein weißer Pfau in einem Kloster auf der griechischen Insel Lesbos – ein bildliches Beispiel des „Handicap-Prinzips“.

Tierische Signalgeber nehmen ein Handicap in Kauf: Verschwendung von Energie in die Farbenpracht

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06. Juni 2014, 11:31 Uhr

Die nachtaktive Nachtigall ist der Liebesvogel par excellence – spätestens seit Shakespears „Romeo und Julia“. Und das ist nunmehr bereits 450 Jahre her. Man muss sicher kein Romantiker sein, um das umfangreiche Gesangsrepertoire dieses amselgroßen Vogels zu genießen. Auf keinen Fall aber ist unsere kleine Sängerin romantisch veranlagt, denn sie liebt es nach neuesten Untersuchungen merkwürdigerweise städtisch laut – im krassen Unterschied zur Feldlerche, die die offene Landschaft benötigt

Beobachtungen aus Berlin ergaben jüngst, dass während der Paarungszeit die unglaublich ausdauernd singenden Nachtigall-Männchen tags und nachts nicht nur ihren fantastischen Gesang zurückgezogen aus dem Unterholz trällern, sondern gerne auch an Orten wie Verkehrsinseln und entlang der S-Bahn-Trassen. Es hat den Anschein, als wenn es eine besondere Herausforderung für die Vögel sei, den Straßenlärm dabei zu übertönen oder ihm zu trotzen. Forscher sprechen von einem „Handicap-Prinzip“.

Israelische Biologen haben bereits 1975 eine Theorie aufgestellt, nach der Überlegungen sowie Erkenntnisse der Evolutionsforschung und Feldexperimente aus der Verhaltensforschung ineinandergreifen. Dieses „Handicap-Prinzip“ beschreibt den Umstand, dass ein Handicap – ein Nachteil – Stärke demonstrieren kann, wenn derjenige den Wettbewerb mit seinen Artgenossen oder Konkurrenten trotzdem erfolgreich übersteht oder überstehen will. Nach dieser Theorie wird er dann von seiner Umwelt als besonders lebenstüchtig, potent und dadurch als attraktiv wahrgenommen – das gilt auch besonders in Sachen der Sexualität.

Dabei nimmt der Signalgeber ein Handicap in Kauf. Als besonders deutliches Beispiel dient hierfür der Rad schlagende Pfau – Verschwendung von Energie in die Farbenpracht des Stoßes und Schwerfälligkeit durch eine Anhäufung von Federn gegenüber Feinden. Vergeudung von Kraft und Energie kann sinnvoll sein, weil man dadurch schlüssig zeigt, dass man mehr als genug davon besitzt und somit etwas zu vergeuden hat – gerade die Verschwendung mache das Signal glaubwürdig – so die israelischen Wissenschaftler Amotz und Zahavi.

Zurück zu Berlins Nachtigallen : Die Biokommunikation an der Freien Universität hat bisher ca. 150 Nachtigallhähne beringt und dabei festgestellt, dass eines davon zehn Jahre in Folge beständig aus dem süd-afrikanischen Winterquartier zurückgekehrt sei und vom gleichen Baum seine Gesangsstrophen vortrüge. Sie sind Gesangsathleten unter den Vögeln und beherrschen ca. 200 verschiedene Strophen. Der Gesang einer Stadt-Nachtigall ist insgesamt etwas lauter als jener ihrer Verwandten auf dem Lande. Man spricht hier vom „Lombard-Effekt“, der auch bei Menschen zu beobachten ist, wenn es eine Geräuschkulisse zu übertönen gilt.

Bei der lateinischen Namensgebung im Jahre 1831 für die Nachtigall hat Christian Ludwig Brehm den griechischen Namen „megarhynchos“ gewählt ( mega = groß und rhynchos = Schnabel), wobei natürlich damit nicht ihr großer Schnabel, sondern die Großartigkeit des Gesangs dieses ansonsten „unscheinbaren“ Vogels gemeint ist.

„Die Nachtigall erreicht in Schleswig-Holstein ihre nördliche Verbreitungsgrenze. Sie ist vornehmlich im Süden und im Südosten des Landes verbreitet“ - so gibt der neueste Brutvogelatlas unseres Bundeslandes Auskunft. Die Besiedlung in den Kreisen Ostholstein und Plön „dünnt“ sich in Richtung Norden aus, um dann von einem engen Verwandten, dem Sprosser, eingenommen zu werden.






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