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Ostholsteiner Anzeiger

16. Dezember 2017 | 06:41 Uhr

Integration : „Es kann nur bereichernd sein“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Tamin Navabi ist ein Spitzenazubi. Sein Chef Horst Frahm will anderen Arbeitgebern Mut machen, sich für Menschen mit Migrationshintergrund zu öffnen.

shz.de von
erstellt am 28.Feb.2015 | 04:00 Uhr

Moslems sind Terroristen – Abneigung und Vorurteile wie dieses hat Tamin Navabi häufig zu spüren bekommen. „Ich merke auch heute noch, wenn mich Menschen das erste Mal sehen, dass ich anders aussehe, als sie; dass sie vorsichtig sind und Hemmungen haben“, sagt der 22-jährige Deutsche, der in Kabul geboren ist.

Seine Eltern sind mit ihm und seinen vier Geschwistern 1992 vor dem Bürgerkrieg in Afghanistan geflohen. Wie die Flüchtlinge heute auch, haben die Navabis einen langen, nervenaufreibenden Weg voller Ängste und Gefahren hinter sich. Es dauerte knapp zwei Jahre, bis die Familie in Hamburg vereint war. Seine beiden größeren Geschwister mussten ab der Ukraine mit einer kinderlosen Familie „weiterreisen“. Tamin Navabi: „Der Schleuser sagte damals, dass es unmöglich sei, eine so große Familie über die Grenze zu bringen. Deshalb mussten wir uns trennen.“ Die Geschichten der Flucht, der Zeit in Russland, der Ankunft in Hamburg, der Unterbringung im Containerdorf in Geesthacht – all das kennt Tamin Navabi nur aus Erzählungen seiner Eltern und größeren Geschwister.

„Meine Erinnerung fängt im Kindergarten in Groß Grönau an“, sagt er. Wie er Deutsch gelernt hat, weiß er nicht mehr genau – „ich hatte ja überall ständig um mich rum mit Deutschen zu tun“. Er ist hier sozialisiert worden, spricht Deutsch besser als Farsi. Seine Eltern und Geschwister haben Sprachkurse besucht. Sie machten ihre Schulabschlüsse, danach eine Ausbildung oder Lehre – so wie Tamin Navabi auch. Nicht jeder seiner vier Geschwister hatte dabei so viel Glück mit dem Arbeitgeber wie der Jüngste. Seit 2013 lernt Tamin Navabi beim Steuerbüro Frahm in Eutin. „Ich habe mich hier beworben, weil ich im Netz gesehen habe, dass sie Auszubildende suchen“, erzählt Navabi. Und sein Arbeitgeber und Chef Horst Frahm ergänzt: „Wir haben mit ihm einen unglaublichen Glücksgriff gemacht. Er ist unser Spitzenazubi.“ Er habe alle Voraussetzungen, im Beruf des Steuerberaters ganz nach oben zu kommen. „Ich kann gut mit Zahlen umgehen und interessiere mich für die verschiedenen Gesetze und wie man sie anwenden kann“, sagt Tamin Navabi. Ein Berufstest in der Schule habe für ihn diesen Berufszweig ergeben; ein Praktikum gab ihm die Gewissheit.

Horst Frahm will anderen Arbeitgebern Mut machen, sich für alle Menschen – egal welcher Nationalität – zu öffnen: „Es kann nur eine Bereicherung sein. Wir sind international.“ Sein Nachfolger Denis Strokin ist aus Omsk, er wird die Geschäfte künftig zusammen mit Frahms Tochter Inken Bleckert-Frahm führen. „Und mit Nina Helzer“, so sagt Frahm, „haben wir auch eine ehemalige Auszubildende übernommen, die aus Kasachstan stammt und perfekt Russisch spricht.“ Das wirke sich mittlerweile auch auf den Mandantenstamm aus. Noch ist das Steuerbüro neben wenigen anderen Arbeitgebern die Ausnahme.

Kreisweit, so berichtet Jobcenter-Geschäftsführer Karsten Marzian, gebe es derzeit 624 Ausländer bei Arge und Jobcenter zusammen. „386 von ihnen werden vom Jobcenter betreut. Das sind 19 mehr als 2014. Aber wir rechnen in den nächsten Monaten mit einem deutlichen Zuwachs“, sagt Marzian. Er erlebe angesichts der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt eine „wachsende Offenheit der Betriebe und Unternehmen“. Die größten Barrieren seien immer noch die sprachlichen und die Anerkennung der beruflichen Abschlüsse im Herkunftsland, so Marzian.

Horst Frahm war fast 20 Jahre lang Vorsitzender der Awo Schönwalde und weiß aus seiner ehrenamtlichen Tätigkeit, wo die Schwachstellen sind: „Es kann doch nicht sein, dass die Menschen erst mit der Anerkennung als Asylant ein Recht auf bezahlten Sprachunterricht haben. Die Sprache aber Voraussetzung für Integration und Teilhabe ist.“ Mehrere Ehrenamtlern organisieren gerade in seiner Gemeinde Sprachunterricht. Frahm: „Es wäre wünschenswert, dass sich für die jungen Flüchtlingsfamilien auch junge Ehrenamtliche finden, damit die Hemmschwelle durch den Altersunterschied per se nicht so groß ist.“

Für Tamin Navabi und seine Familie ist die eigene Flucht und das Erleben in den Anfangsjahren jetzt wieder präsenter denn je. Jetzt helfen sie den Neuankommenden hier Fuß zu fassen. An die Deutschen appelliert er gerade nach Ereignissen wie Escheburg: „Kein Mensch kann etwas für seine Herkunft. Wenn im Heimatland Krieg ist, muss man flüchten dürfen. Die Menschen sollten einfach Verständnis dafür haben, dass die Leute leben wollen und das nicht ständig mit Überlebensangst.“

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