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Ostholsteiner Anzeiger

22. August 2017 | 20:48 Uhr

Ostholstein : „Es gibt massive Bedenken“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Dialogverfahren zur Ostküstenleitung: Rege Diskussionen und viele Informationen zur Auftaktveranstaltung in Scharbeutz.

Vieles erinnert an die Diskussion rund um die Schienenhinterlandanbindung der Fehmarnbeltquerung. „Es gibt begründete Bedenken“, sagte Landrat Reinhard Sager und nannte eine Reihe von Betroffenen der geplanten 380-KV-Stromtrasse in Ostholstein – angefangen von den Landwirten, Touristikern bis hin zu Anwohnern. „Deshalb müssen die Planungen überzeugen“, so Sager.

Viele der anwesenden rund 250 Gäste schienen am vergangenen Mittwochabend bei der Auftaktveranstaltung zum Dialogverfahren zur Ostküstenleitung da aber so ihre Zweifel zu haben. Neue Leitungen sollen kommen – aber welche alten werden dafür abgebaut? Das wollte unter anderem Bernd Knoop von der Ornitologischen Arbeitsgemeinschaft aus dem Plenum wissen. Knoop verwies dabei auf die Gefahren durch die Stromleitungen für Zugvögel. „Ostholstein ist ein Hotspot des Vogelzugs“, sagte Knoop.

Da jedoch über die Stromtrassen noch keine Klarheit besteht, sondern zurzeit nur Planungskorridore betrachtet werden – wie übrigens auch beim Belt-Schienen-Strang –, sei eine genaue Antwort schwierig, so Christian Schneller vom Netzbetreiber Tennet.

Volker Owerien, Bügermeister der Gemeinde Scharbeutz, brachte es auf den Punkt: „Der Netzausbau wird die Lebensumstände der Bürger stark beeinflussen.“ Geld dürfe für das „Schutzgut Mensch“ keine Rolle spielen, so Owerien. „Als beste Lösung fordern wir das Seekabel“, sagte der Gemeinde-Chef unter dem Beifall vieler Anwesender.

Habeck nahm den Wunsch vieler Anwesender nach einem Erd- oder Seekabel auf, verwies jedoch darauf, dass „wir sehen müssen, was der Bundesgesetzgeber genehmigt – alles oder nur Teile?“ Die Variante Seekabel bezeichnete Habeck als „interessant – aber wo soll das Kabel wieder herauskommen?“, fragte der Minister. Gegen Standorte für entsprechende Übergabe-Stationen von See an Land und umgekehrt würde es wiederum Bedenken in den Gemeinden und Städten geben, so Habeck.

Seekabel – schön und gut; die Sache sei aber nicht so einfach. „Ein Klacks ist das nicht. Das ist komplizierter, als einen Gartenschlauch einzubuddeln“, formulierte es der Politiker salopp. Denn bisher sind See- wie Erdkabel der geplanten Dimensionen technisch noch nicht ausgereift und nicht einmal vollständig erprobt.

„Ich halte es für hoffnungsvoll, dass wir eine Teilverkabelung hinbekommen“, sagte Habeck. Denn zum Knackpunkt könnten vor allem die Kosten werden: Während zurzeit eine Freileitung mit etwa 1,5 Millionen Euro pro Kilometer Trasse kalkuliert wird – die Planer schätzen also grob die Gesamtkosten auf rund 100 Millionen Euro für den Abschnitt Lübeck-Göhl – würde die Erdkabel-Lösung zwischen sieben- und zehnmal so viel Geld kosten. Dabei spiele der Kupferpreis für die Kabel eine Rolle, aber die angewandte Technologien, der Untergrund wie aber auch behördliche Auflagen, sagte Christian Schneller. Wie teuer das Ganze wirklich wird, „wissen wir erst am Ende des Planfeststellungsverfahrens“, so der Tennet-Mann.

Schneller hält jedoch eine Erprobung der Erdkabel zwischen Lübeck und Göhl für ideal, da es sich um eine Stichleitung, also keinem Verbindungsstück handelt.

Achim Zerres, Vertreter der Bundesnetzagentur, verdeutlichte den Bedarf des Netzausbaus. Schilderte jedoch auch, dass bei der 380-KV-Leitung – zur Sicherheit groß dimensioniert – zurzeit noch mit einer Auslastung von elf bis 22 Prozent gerechnet wird. „Aber lange Sicht ist sie die preisgünstigere Alternative“, sagte Zerres. Diskutiert werden könnten nicht nur die Trassenverläufe und eine Teilverkabelung, sondern auch die Mastenform und Größe.

Klaus-Dieter Blanck vom Bauernverband Schleswig-Holstein wiederum machte sich Sorgen rund um den Flächenbedarf: „Welche Ausmaße hat ein Kabelgraben und lässt sich über dem Erdkabel noch Landwirtschaft betreiben?“ – Tennet bejahte Ackerbau über den Leitungen im Boden, verneinte jedoch das Anpflanzen von tiefwurzelnden Gehölzen. Angaben zu den Größen von Ausgleichsflächen konnten die Planer noch nicht machen, dafür jedoch zu den Trasse-Breiten: 21 Meter würde ein Erdkabel-Bauwerk in Anspruch nehmen. Während der Bauphase sogar eine Breite von 40 bis 45 Metern. Die Idee von Reiner Wolter, Bürgermeister der Gemeinde Damlos, erteilten sie jedoch eine Abfuhr: Wolter hatte vorgeschlagen, die Kabel unter die Belt-Schiene zu legen – die Leitungen müssten jedoch jederzeit zugänglich sein für Reparaturen und Wartung, hieß es.

Als Baubeginn peilen die Planer zurzeit 2019 an. „Das ist ziemlich sportlich“, sagte Robert Habeck und ergänzte: „Das wir die Netzausbau-Diskussion im Jahr 2015 führen ist wirklich spät.“

Landrat Sager machte zum Ende der mehr als dreieinhalbstündigen Veranstaltung deutlich, dass der Kreis zum Netzausbau stehe. „Wir sind der Energiewende-Kreis“, betonte Sager ohne jedoch die Redebeiträge außer Acht zu lassen. „Es ist deutlich geworden, dass es massive Bedenken gibt.“

 

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erstellt am 06.Mär.2015 | 04:00 Uhr

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