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Ostholsteiner Anzeiger

21. Oktober 2017 | 12:52 Uhr

„Es geht um unsere Lebensweise“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ein Abend der Beklemmung und des frohen Genießens: Was essen wir, was sollten wir besser nicht essen – und wie bequem sind wir?

von
erstellt am 02.Feb.2015 | 17:30 Uhr

„Unser täglich Brot gib’ uns heute“ – dieser alte Gebetsvers klingt überholt in einer Zeit, in der Kinder zu Hause nicht frühstücken und ohne Butterstulle in der Schultasche zum Unterricht kommen. Und Berufstätige mittags eilig einen Snack beim Bäcker zu sich nehmen und das Aufwärmen von Fertiggerichten abends für Kochen halten. Aber so altmodisch die Bitte anmuten mag, so universal richtig bleibt sie: Ohne kräftigende Nahrung verkümmert der Mensch.

„Welchen Wert messen wir dem zu, was wir täglich essen?“ So leitete Pastorin Gudrun Bölting (Foto) am Freitag in der Michaeliskirche einen Abend ein, in dem es unter dem Motto „Pastinaken sind keine Sekte“ vielfältig ums Thema Essen ging – erst diskutierend, dann genießend.

Bölting verwies vor rund 100 Zuhörern auf Lebensmittelskandale, Massentierhaltung, Gesundheitsgefahren auf der einen Seite. Andererseits wachse die Zustimmung zu Fairtrade, biologischem Landbau und Rückkehr regionaler Produkte in die Küche. Ihre Frage: „Was lässt sich durch die eigenen Einkaufs- und Kochentscheidungen ausrichten?“

Der Berliner Publizist
Mathias Greffrath nahm diesen roten Faden auf, verspann ihn mit der globalen Entwicklung der Landwirtschaft, mit der Explosion der Bodenpreise, mit dem Verdrängen alter Sorten und dem Siegeszug genmanipulierter Pflanzen. Er referierte über Todesfabriken für Küken, griff die Weigerung der EU-Politiker an, die milliardenschweren Agrarsubventionen an sanfte Produktionsweisen zu koppeln. Und weckte mit der Fülle an Beispielen für eine vom Profitdenken geknechtete Ernährungsindustrie Momente der Beklemmung in der Kirche.

Aber Greffrath leuchtete auch die Hoffnungsseite aus. In Berlin seien zu Beginn der Grünen Woche 50  000 Demonstranten mit der Parole „Wir haben es satt“ gegen die Massentierhaltung auf die Straße gegangen. Zwar berichte die deutsche Presse viel ausführlicher über 15    000 Pegida-Mitläufer in Dresden, doch die Menge der kritischen Verbraucher wachse von Jahr zu Jahr.

„Es gibt eine Vielfalt der Motive und der Formen, warum sich vor allem junge Menschen von der Nahrungsindustrie und dem Billigfleisch abwenden. Diese breite Mischung, in der Landwirte und Konsumenten zusammen gehen, erinnert mich an das Aufkommen der Anti-Atomkraft-Bewegung“, sagte Greffrath. Er rechne damit, dass die Kraft dieser Bewegung bald so groß sei, dass die Politik reagieren müsse, denn: „Es geht um unsere ganze Lebensweise.“

Damit werde die Systemfrage gestellt, bei der verstünden mächtige Interessensgruppen aber keinen Spaß. Die eine Gruppe bildeten die Industrieunternehmen der Agrarchemie, der Lebensmittelbranche, der Medizin. Die andere bildeten alle Konsumenten selbst: „Es geht gegen unsere Lebensgewohnheiten. Aber es ist eine Frage der Selbstachtung, ob man den Mist noch essen will.“

Dabei spiele es keine Rolle, ob man viel oder wenig Geld fürs Essen ausgebe: Die Bio-Tomate aus Spanien sei ökologisch genau so unsinnig wie das Chicken Nugget aus dem Schnellimbiss. Notwendig sei vielmehr die Bereitschaft, auf bequeme Fremdversorgung zu verzichten und wieder mehr selbst zu kochen. Der Anfang sollte mit Eltern, Erziehern und Lehrern in Kindergärten und Schulen gemacht werden: „Die Kinder müssen lernen, dass die Kartoffeln nicht aus dem Glas kommen und man eine Pizza auch selbst belegen kann. Eine Kulturrevolution des Kochens schafft neue Jobs und ist der Hebel zu Veränderungen bei der Erzeugung unserer Lebensmittel.“

Greffrath warnte allerdings davor, die Erfolgsaussichten zu rosig zu sehen. Denn billiges Essen wirke seit Jahrzehnten als Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft: Je weniger die Menschen fürs tägliche Sattwerden ausgeben müssen, desto mehr bleibt ihnen für andere Konsumgüter. Und das vergrößere weltweit den Druck zur agrarischen Massenproduktion – mit verheerenden Folgen global. Angesichts der besonders niedrigen Lebensmittelkosten in Deutschland lasse sich überspitzt sagen: „Der Hunger der Welt ist unser Exportprodukt.“

Trotz alledem: Greffrath ermunterte die Zuhörer, vor der Übermacht der Verhältnisse nicht zu resignieren. „Alles, was im Kleinen wirkt, bleibt nicht ohne Bedeutung für das Große.“ Weniger Fleisch, mehr Gemüse zu essen bereite darauf vor, „was ohnehin kommen wird“.

 

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