Es geht auch ohne Pfändung

Hat viel Berufserfahrung: Der Verwaltungsbeamte Martin Picht liebt seine Arbeit.
Hat viel Berufserfahrung: Der Verwaltungsbeamte Martin Picht liebt seine Arbeit.

Eutins Vollstreckungsbeamter Martin Picht regelt säumige Zahlungen an die Stadt lieber in einem Gespräch mit dem Schuldner

Avatar_shz von
15. Februar 2018, 12:29 Uhr

Fairness und Ehrlichkeit sind Martin Picht wichtig. Der Vollstreckungsbeamte der Stadt Eutin kümmert sich seit 26 Jahren um die Außenstände der Kommune. Wer in Eutin seine Gewerbesteuer, Hundesteuer oder auch Kosten für Urkunden oder Beerdigung nicht bezahlt, der könnte eines Tages Besuch von dem 47-Jährigen erhalten. Doch dem geht einiges voraus.

Ist die Zahlungsfrist abgelaufen, erhält der Schuldner 14 Tage später eine Mahnung der Stadt. Picht erklärt, dass im Gegensatz zur freien Wirtschaft, die auf ein längeres Mahnverfahren angewiesen sei, die Stadt bereits nach der ersten offen gebliebenen Mahnung vollstrecken könne. Da Picht weiß, welche Umstände oder Gegebenheiten die Menschen in eine solche Situation führen können, hofft er auf die Gesprächsbereitschaft der säumigen Zahler. „Bevor ich tatsächlich vollstrecke, weise ich den Schuldner schriftlich auf den Beginn des Vollstreckungsverfahrens hin und gebe ihm nochmal zwei Wochen Zeit.“ Dann erst setze der eigentliche Vollzug ein.

Er suche den Schuldner persönlich auf, sei der abwesend, lasse er ein Schreiben an ihn dort. Ein letztes Mal bietet er dem Schuldner ein Gespräch an. Fruchtet das immer noch nicht, erhalte der säumige Zahler eine Vorladung per Einschreiben mit Rückschein. „Greift das dann immer noch nicht, kann ich das Konto pfänden oder das Geld vor der Gehaltszahlung direkt beim Arbeitgeber einziehen.“ Das bedeute, das derjenige über seine Konten nicht mehr verfügen könne, im Urlaub also auch kein
Geld mehr am Automaten erhalte. Wer bereits in einem anderen Vollstreckungsverfahren stecke, der werde drei Jahre vor neuen Gläubigern geschützt, wie Picht erklärt.

Dem Eutiner ist bewusst, wie unangenehm es werden kann, im Urlaub plötzlich kein Geld mehr zu bekommen. Er empfiehlt deshalb, rechtzeitig das offene Gespräch mit ihm zu suchen. Den Kopf in den Sand zu stecken, Briefe nicht mehr zu öffnen, schaffe die Notlage nicht aus der Welt. „Mit Ehrlichkeit und Verbindlichkeit hat jeder eine Chance. Dann ist auch Ratenzahlung möglich.“

Nach 26 Jahren seiner Tätigkeit ist der Eutiner anscheinend kein bisschen frustriert. „Ich bin immer noch gerne Vollstreckungsbeamter“, sagt er frei heraus. Dabei hatte er diese Arbeit gar nicht im Blick, als er die Realschule verließ.

Auf Raten seines Vaters fängt Martin Picht 1987 seine Ausbildung bei der Stadt Eutin an. Seitdem ist der schlanke Mann mit dem mittelblonden Haar hauptamtlich im Dienst der Kommune unterwegs. Drei Jahre dauerte die Lehre, anschließend arbeitete Picht ein Jahr lang im Bürgerbüro, bevor er 1992 die Aufgabe des Vollstreckungsbeamten übernommen hat und seit dem finanzielle Außenstände der Stadt bei deren Bürgern oder Gewerbetreibenden einzieht.

Als er mit der Tätigkeit begonnen habe, hätten alle Vorgänge in einen DIN-A4-Ordner gepasst, erinnert sich der Verwaltungsbeamte. „Heute sind es sieben Ordner mit den aktuellen Fällen, einer für die Pfändungen, einer mit Vorladungsterminen und ein kleiner Ordner für besondere Fälle.“ Die verlangten ein wenig mehr seiner Aufmerksamkeit als üblich. Das könne an der erhöhten Zusammenarbeit mit externen Kollegen liegen oder auch an größeren Beträgen im Wert einer Villa, die oft mit vernetzten Strukturen einhergingen. Solche Herausforderungen nimmt Picht gerne an: „Man bleibt nicht stehen. Das mag ich an dem Beruf.“

Selten haben kriminell arbeitende Schuldner bei ihm eine Chance. Man müsse am Fall dran bleiben, die Fristen wahren. Am Ende zeige sich immer wieder, dass jedes kriminelle System irgendwann zusammenbreche. Aber die meisten Schuldner rutschten wegen unglücklicher Umstände, Unbedarftheit, fehlender Weitsicht oder Wissensmangel in die Zahlungsunfähigkeit. Und einige seien einfach überfordert.

Bei solchen Schuldnern wird Pichts Herz besonders weit. Dann setze er sich mit ihnen hin und sie füllten gemeinsam den Antrag zur Befreiung von der Rundfunkgebühr aus. „Die Behörde legt nicht einfach den Hebel um.“

Auch für die anderen Schuldner setze man sich an den runden Tisch und diskutiere. „Wir wollen einen Betrieb nicht kaputt machen. Da hängen Arbeitsplätze dran.“ Selten komme es noch zu Hausdurchsuchungen. Der Aufwand solle mit seinem Ergebnis – dem Erlös aus Verkauf oder Versteigerung der gepfändeten Sachen – schon im Verhältnis zur Schuld stehen. Wenn sich jemand aber überhaupt nicht rühre, bliebe ihm gar nichts anderes übrig, als die harte Schiene zu fahren. „Wir sind ja allen Bürgern verpflichtet und müssen dem Recht genüge tun.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen