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Ostholsteiner Anzeiger

17. Oktober 2017 | 14:30 Uhr

Erwürgt, weil er im Bettchen hüpfte?

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Prozessauftakt gegen Ramona R. aus Eutin: Sie soll den Schlafsack ihres Sohnes am Hals zugezogen haben, bis der kleine Juri erstickte

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erstellt am 16.Dez.2016 | 13:03 Uhr

Er lag morgens leblos in seinem Bettchen, seine eigene Mutter soll ihn erwürgt haben: Gestern hat vor dem Lübecker Landgericht der Prozess um den Tod des kleinen Juri aus Eutin begonnen. Der Junge wurde nur zwei Jahre alt.

Ramona R. (34) versteckt ihr Gesicht hinter einem gelben Aktenordner, als sie in den Gerichtssaal geführt wird und sich die Kameras auf sie richten. Später hält ihr Verteidiger den Ordner, bis alle Fotografen den Raum verlassen haben. „Sie tötete ihren Sohn Juri Alexander ohne Mörder zu sein“, verliest Staatsanwalt Nils-Broder Greve die Anklageschrift. „Als die Angeklagte Juri am 13. April ins Bett bringen wollte, zog sie ihm dafür einen kindgerechten Schlafsack an. Doch anstatt zu schlafen, hüpfte der Junge in seinem Bettchen herum. Um das zu unterbinden, packte Ramona R. den Schlafsack im Halsbereich und drehte ihn so zu, dass Juri keine Luft mehr bekam und erstickte. Das erkannte die Angeklagte, das war ihr Ziel. Sie handelte vorsätzlich.“

Ramona R. schaut auf den Tisch, beißt sich auf ihre Unterlippe, die Kapuze eng über den Kopf gezogen. Erst als sie der Vorsitzende Richter fragt „Wollen Sie mit uns reden?“, beginnt sie zu weinen. Verteidiger Andre Vogel erklärt: „Meine Mandantin ist bereit, sich im Laufe des Verfahrens zu äußern, allerdings nicht heute. Die Eröffnung des Verfahrens heute ist für sie höchst belastend, sie muss erst einmal ankommen.“

Ramona R. hatte den Tod ihres Sohnes als Unfall dargestellt und war erst zwei Monate nach der Tat festgenommen worden. Nach ihrer Aussage soll sich Juri selbst mit seinem Schlafsack erdrosselt haben, was sie erst am Morgen bemerkt haben will. Die Ermittler schöpften jedoch Verdacht, der von Gerichtsmedizinern gestützt wurde. Die kamen zu dem Schluss, dass der Junge sich nicht selbst stranguliert haben könne.

Bis Anfang Februar sind acht Verhandlungstage mit zwei Sachverständigen und 22 Zeugen angesetzt. Unter anderem sollen ihr damaliger Lebensgefährte sowie der leibliche Vater Juris gehört werden, der Nebenkläger ist. Auch Mitarbeiter des Jugendamtes des Kreises Ostholsteins sind geladen. Zwar schloss Staatsanwalt Nils-Broder Greve gestern auf Nachfrage Versäumnisse des Amtes aus. Doch offen ist, warum Ramona R. nach Juris Geburt die Erziehungsfähigkeit nicht aberkannt worden ist. Bei ihren beiden ersten Kindern war das passiert. Zunächst 2006 und durch weitere Gutachten dann auch 2008 und 2012.

Nachbarn hatten nach dem Tod des kleinen Jungen schwere Vorwürfe erhoben. „Ich habe Juri immer nur weinen gehört“, berichtete eine direkte Nachbarin des Paares nach der Tat. „Es wurde viel geschrien, mein Eindruck war, dass er ein schlimmes Leben hatte.“ In zwei Fällen habe man die Handgreiflichkeiten, die auch vom Verlobten ausgegangen sein sollen, beim Jugendamt angezeigt. Der Behördenleiter sagte unserer Zeitung damals: „Wir haben Kontakt mit der Familie aufgenommen, aber keine Anhaltspunkte für eine akute Kindeswohlgefährdung gesehen.“ Zuletzt hörten Nachbarn im Treppenhaus den Satz: „Ich kann dich auch mal richtig verprügeln, du Missgeburt“. Drei Wochen später war der kleine Junge tot.

War Ramona R. nur vom Zu-Bett-Bringen überfordert oder lag ihr Motiv vielleicht tiefer? Das Paar hatte nach Angaben der Nachbarn oft Streit. Immer wieder sei es dabei auch um Juri gegangen – und die Drohung des Verlobten, sich zu trennen, sollte sich das Verhalten des Jungen nicht bessern.

Ramona R. ist österreichische Staatsangehörige, nahe Frankfurt aufgewachsen und dann nach Schleswig-Holstein gezogen. Sie hat bereits zwei Kinder (11 und 14), die früh in Pflegefamilien untergebracht wurden. Mit dem Eutiner Dennis L. bekam sie Juri, er wurde am 24. Juni 2013 geboren. Das Paar trennte sich im Jahr darauf und 2015 lernte Ramona R. ihren neuen Lebensgefährten kennen, mit dem sie bis zum Tod Juris zusammenlebte. Die Ermittlungen gegen den Verlobten wurden eingestellt, weil sich ein Tatverdacht nicht erhärten ließ.

Der Prozess wird am 6. Januar fortgesetzt.

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