Erst-Helfer für die Seele

Glaubensrichtung spielt keine Rolle: Der katholische Theologe Marc Meiritz (l.) ist bei der Notfallseelsorge in Ostholstein mit dem evangelischen Theologen Christopher Noll an Bord.
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Glaubensrichtung spielt keine Rolle: Der katholische Theologe Marc Meiritz (l.) ist bei der Notfallseelsorge in Ostholstein mit dem evangelischen Theologen Christopher Noll an Bord.

Die Notfallseelsorger geben in Einsätzen mentale Unterstützung

shz.de von
13. Februar 2018, 09:42 Uhr

Seit Jahrzehnten leisten Christopher Noll und Marc Meiritz Erste Hilfe. Unabhängig voneinander entschied jeder der Theologen eines Tages, von da an der Ersten Hilfe für die Seele den Vorrang einzuräumen. Noll, evangelischer Geistlicher und Feuerwehrmann, ist seit 2015 hauptamtlicher Notfallseelsorger in Ostholstein. Meiritz, katholischer Theologe, Polizeibeamter, Schiffsbetriebstechniker und Feuerwehrmann, ist seit 2011 Polizeiseelsorger und Notfallseelsorger im kirchlichen Dienst, unterwegs in Schleswig-Holstein und Hamburg. Bis 2011 arbeitete Meiritz hauptberuflich im Kriseninterventionsteam der Hamburger Polizei, das nach Einsätzen und auch sonst bei Bedarf den Kollegen hilft.

„Die Notfallseelsorge ist Erste Hilfe für die Seele“, sagt Noll, der beim Kirchenkreis Ostholstein angestellt ist. Diese schnelle Hilfe können Zivilpersonen annehmen, die gerade Belastendes erlebt haben. Im Notfall fordert der Einsatzleiter der Rettungskräfte einen Seelsorger an.

Gründe dafür sind der plötzliche Tod oder auch der freiwillige Tod eines Menschen, eine schlimme Verletzung oder auch das Verschwinden eines Menschen. Der Notfall-Seelsorger brauche, damit er in solcher Situation anderen erste Hilfe geben könne, zum einen Zeit, zum anderen die Bereitschaft und die Kraft, die Situation durchzuhalten, sagt Noll.

Dafür steht dem Notfallseelsorger selbst Hilfe im Hintergrund zur Verfügung. Eine Person begleite ihn stets telefonisch, helfe bei der Orientierung, organisiere das, was in dem Moment gebraucht werde, zum Beispiel ein geschützter Raum, Handtücher oder eine Beratungsstelle. Diese Person prüfe vor jedem Einsatz die mentale Verfassung des Notfallseelsorgers. Denn der könne sich aufgrund persönlicher Umstände auch selbst mal nicht stark genug fühlen.

Jeder Einsatz sei eine Herausforderung, sagt Meiritz. Dennoch entwickle ein Helfer im Laufe der Jahre ein gewisses Maß an Routine. Nur wenn es um Kinder gehe, sei das anders. Daran gewöhne sich kein Helfer. Je öfter man Einsätze mit Kindern habe, desto mehr komme man an seine Grenzen. Gerade für und nach solchen Einsätzen sei es wichtig, sich zu entlasten, und die eigenen Grenzen spüren zu können. Meiritz: „Wir sind draußen Einzelkämpfer. Aber wir sind nie wirklich allein, unsere Kollegen sind für uns da.“

In Ostholstein stehen 14 speziell geschulte Seelsorger für Notfälle zur Verfügung. Zehn seien evangelisch, drei katholisch und einer freikirchlich, sagt Noll. Hauptberuflich machen Noll und Meiritz die Arbeit. Meiritz: „Zu 75 Prozent kommen wir in Situationen, in denen es um Tod geht.“ Drei Viertel aller Einsätze erfolgen Noll zufolge in häuslichem Umfeld. Etwa ein Viertel finde im öffentlichen Raum statt. Dann nutzt das Team Einsatzkleidung und -fahrzeug.

Ein seelsorgerischer Einsatz dauert Noll zufolge durchschnittlich drei Stunden. Es komme selten vor, dass jemand die Hilfe ablehne. In guten Nachbarschaften oder bei nah beieinander wohnenden Familien sei ihre Hilfe nicht lange nötig. Wenn es Touristen oder Fremdsprachler betreffe, dauere ihre Unterstützung länger, das könnten bis zu zwölf Stunden sein.

Zu den Aufgaben eines Notfallseelsorgers gehört die Begleitung eines Menschen, der in den meisten Fällen unter Schock stehe. „Wir versuchen, die Person mental zu stabilisieren“, sagt Noll. Denn nach dem Schock finge der Mensch an zu begreifen, was passiert sei. Dann erst könnten sie ihm helfen, handlungsfähig zu werden. Der Notfallseelsorger aktiviere das soziale Umfeld, informiere die Familie oder vermittele an andere Personen oder Stellen, die passend helfen könnten. Bei Bedarf werde die Nachsorge eingeleitet. Beide: „Trauer und vielleicht auch Wut setzen erst später ein.“

Anfangs hielt Noll seine Tätigkeit für nichts Besonderes. Doch inzwischen wisse er, ihr Tun helfe und mache für die Betroffenen einen Unterschied. Eine eigene Erfahrung in der Familie habe ihn erkennen lassen, wie wertvoll die Begleitung in einer solchen Situation sein kann. Das weiterzugeben, sei sein Leitmotiv. Die Arbeit sei so wie das, was Jesus den Menschen gebe: „Wenn man down ist, hilft er einem.“

„Mit unserer Arbeit können wir unheimlich viel Halt geben“, sagt Meiritz. Was sie machten, sei aber nicht messbar. „Wir arbeiten mit offenem Ausgang, das ist manchmal unbefriedigend.“ Er wolle aber nicht mit einem Rucksack auf dem Rücken ankommen, und zum Schluss alles wieder einpacken und mitnehmen. „Mir haben die Menschen elendig Leid getan, denen ich als Polizist nicht genug zur Seite stehen konnte.“ Das wolle er den Menschen wiedergeben und sensibilisiere als Polizei-Ausbilder den Nachwuchs.

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