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Ostholsteiner Anzeiger

19. Oktober 2017 | 18:35 Uhr

Erinnerungslücken – und eine blutige Nase

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

shz.de von
erstellt am 25.Nov.2015 | 00:32 Uhr

Hat Stefan F.* dem volltrunkenen Igor P.* ins Gesicht geschlagen? Richterin Annette Rakel musste das gestern klären. Und hatte dabei mit den Erinnerungslücken des 22-jährigen Opfers zu kämpfen.

Dass sich Igor P. nicht mehr exakt an das Geschehen im Restaurant Gosch in Scharbeutz am 14. Juni erinnern konnte, lag daran, dass der Fleischermeister viel getrunken hatte – so viel, dass er nicht mehr geradeaus gehen konnte, wie er der Richterin auf Nachfrage gestand. „Ich habe mein Handy gesucht, plötzlich stand einer vor mir und hat mich geschlagen“, beschreibt der schmächtige Lübecker seine verbliebenen Erinnerungen.

Fakt ist: P. trug an diesem Abend Verletzungen davon – zwei Platzwunden und mehrere Prellungen im Gesicht. Und büßte seine Brille ein. „Was war der Auslöser des Streits?“, wollte Richterin Rakel wissen. „Ich weiß es nicht mehr“, sagte P., der erst vier Tage später einen Arzt aussuchte, dann den Fall einem Anwalt übergab. Gleichzeitig aber auch über Umwege Kontakt zu Stefan F. suchte. Beide wollten jedoch zunächst die Verhandlung abwarten, bis F. die verlorene Brille ersetzen wolle.

Der 27-jährige Angeklagte hatte insgesamt wesentlich mehr Erinnerungen an den Abend. Der Kfz-Mechatroniker F. aus Techau habe nur schlichten wollen, sagte der Zwei-Meter-Mann vor Gericht und berichtete davon, dass P. mit einem Gast aneinandergeraten war. In die verbale Auseinandersetzung habe auch Stefan F.s Cousin eingegriffen. Als P. gegen diesen nun handgreiflich werden wollte, schubste F. ihn weg. „Ich bin dann weggegangen und habe nicht gesehen, dass Igor P. verletzt war“, berichtete F. weiter.

Geschlagen oder geschubst? Die in dem Fall ermittelnde Polizeioberkommissarin aus Lübeck hatte in einer ersten Vernehmung von Stefan F. vermerkt, dass der 27-Jährige zugegeben habe, P. geschlagen zu haben. In einer weiteren
Vernehmung war allerdings von schubsen die Rede. Auf Nachfrage konnte aber auch die Beamtin sich nun nicht mehr
genau erinnern, welche Version zutreffend war.

Richterin Rakel machte den Parteien einen Vorschlag: Das Verfahren wird eingestellt, wenn F. die Kosten für die Brille – 107 Euro – bis Ende Januar 2016 ersetzt. F. beriet sich kurz mit seinem Anwalt. Der stellte nach gut zwei Minuten fest: „Wir stimmen zu.“


*  Namen geändert

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