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Ostholsteiner Anzeiger

15. Dezember 2017 | 15:37 Uhr

Erinnerungen, die sich einprägen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ministerpräsident Albig in Neustadt: Die „Cap Arcona“ steht sinnbildlich dafür, wie ein ganzes Land in die Barbarei abrutschen kann

von
erstellt am 30.Apr.2015 | 15:26 Uhr

Ob in fünf Jahren, bei der 75. Wiederkehr des Tages, an dem über 7000 Menschen elendig in der Lübecker Bucht krepierten, noch Überlebende der so genannten Cap-Arcona-Katastrophe hier dabei sein werden? Still schwebte diese Frage gestern über der Gedenkfeier am Neustädter Strand.

Sie ließ die Worte des 90-jährigen Jewgenij Malychin wie ein Vermächtnis an die nachkommenden Generationen klingen: „Vor 70 Jahren konnten wir, die Häftlinge des KZ Neuengamme, uns gar nicht vorstellen, dass wir irgendwann die Möglichkeit bekommen würden, den Tausenden unserer verstorbenen Kameraden würdevoll zu gedenken.“

Rund 800 Menschen verschiedener Nationen hatten sich an dem Cap-Arcona-Ehrenmal versammelt, auf dessen Gelände 621 der Opfer jenes Massensterbens vor Neustadt beerdigt sind. Seit 1948 finden auf dem von der britischen Kommandatur angelegten Ehrenfriedhof am 3. Mai Gedenkveranstaltungen statt; an ihnen nehmen seit 25 Jahren regelmäßig auch ranghohe Vertreter der Landesregierung von Schleswig-Holstein teil.

Neben Ministerpräsident Torsten Albig gehörte Jewginij Malychin zu den Rednern am Ehrenmal. Er war als 17-Jähriger 1942 aus der Ukraine zur Zwangsarbeit bei den Borgward-Werken nach Bremen and verschleppt worden; nach einem Fluchtversuch wurde er ins KZ Neuengamme eingeliefert. Dessen Häftlinge wurden Mitte April 1945 von ihren Bewachern, dem Befehl des SS-Reichsführers Himmler folgend: „Kein Häftling darf lebend in die Hände des Feindes fallen“, zu Fuß nach Lübeck getrieben.

Dort wurden sie zu Tausenden auf die Schiffe „Athen“, Thielbeck“ und den ehemaligen Luxusdampfer „Cap Arcona“ verfrachtet und in die Lübecker Bucht manövriert, wo die Schiffe tagelang vor sich hin hindümpelten. Bis am 3. Mai 1945 nachmittags englische Jagdbomber die Gefängnisflotte bombardierten.

Malychin war damals an Bord der „Cap Arcona“; das Inferno schilderte er so: „Ich hatte Brandverletzungen und befand mich wohl stundenlang im Wasser, mit mehreren anderen an den Rumpf eines kieloben treibenden Bootes geklammert. Es dunkelte, begann zu regnen. Wir schwammen zum anderen Ende der Cap Arcona, das ganze Schiff war verbrannt und lag auf der Seite. Man half mir, auf den verbrannten Teil des Schiffes hochzuklettern. Wir wiegten uns hin und her, um uns wenigstens ein wenig zu wärmen. Vor meinen Augen lag die bombardierte Bucht.“ Diese Erinnerungen erzähle er seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln immer wieder, „damit sie es nicht vergessen.“

Wie 55 andere Überlebende war Malychin von der Amicale Internationale KZ Neuengamme (AIN) zu den Gedenkveranstaltungen in Hamburg und Neustadt eingeladen worden. AIN-Generalsekretärin Christine Eckel sagte, die Berichte der Überlebenden seien sehr wichtig. „Insbesondere die Gespräche mit den jungen Generationen sind unglaublich wertvoll - es sind Momente, die sich diesen Menschen einprägen.“ Aber auch die Familienangehörigen jener Opfer, die im KZ starben, seien „ein wichtiges Bindeglied in die Gegenwart“.

Diese Verbindung über die Generationen hinweg werde intensiver, meint Detlev Garbe, seit 1989 Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. 450 Familienangehörige von KZ-Inhaftierten aus Slowenien, Polen, Ungarn, Russland, Dänemark, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, aus Israel und den USA seien zu den Gedenkveranstaltungen angereist, vielfach auf eigene Kosten. „Das Interesse, was damals hier geschah, nimmt nicht ab, sondern eher zu“, sagt auch Wilhelm Lange, der seit 1984 im Auftrag der Stadt Neustadt die Geschichte der Cap-Arcona-Katastrophe präsent macht. Bürgermeisterin Tordis Batscheider betonte, dass trotz persönlicher Schuldlosigkeit doch die Nachgeborenen „Verantwortung dafür tragen, dass sich solches Unheil niemals wiederholt“ – eine Mahnung, die Torsten Albig auch auf Aktuelles münzt: „Die Erinnerung an die Unmenschlichkeit macht uns verantwortlich für Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen und ihre Heimat verlassen. Und denen wir hier bei uns ein menschenwürdiges Leben ermöglichen müssen.“


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