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Ostholsteiner Anzeiger

23. Oktober 2017 | 12:09 Uhr

Erinnerung an den Todesmarsch 1945

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit Ruthy Sherman war beim „Marsch des Lebens“ von Hamburg nach Kiel-Russee auch die Tochter einer Überlebenden dabei

shz.de von
erstellt am 19.Apr.2015 | 18:31 Uhr

Es muss grauenvoll gewesen sein, dieser Anblick von zerlumpten und ausgemergelten Figuren, die sich im April 1945 unter Drohungen und Prügeln der SS-Bewacher die Landstraße entlangschleppten. „Todesmärsche“ tauften Historiker später diese Aktionen, mit denen die Nazis die Insassen von Konzentrationslagern vor den herannahenden Alliierten verstecken wollten. Aus dem „Kolafu“, dem Konzentrationslager in Hamburg-Fuhlsbüttel, wurden die Überlebenden nach Norden, Richtung Kiel getrieben. Genau 70 Jahre später liefen hunderte Teilnehmer beim „Marsch des Lebens“ diese Strecke noch einmal ab. Die gestrige Schlussetappe führte vom Freilichtmuseum Molfsee nach Kiel-Russee. Dort stand das 1945 das Arbeitserziehungslager Nordmark.

Hilde Zander, eine junge Jüdin aus Mönchengladbach, hat diesen Marsch und als einzige in ihrer Familie den Holocaust überlebt. Ihr Buch „Zwischen Tag und Dunkel – Mädchenjahre im Ghetto“ (das sie 40 Jahre später später als Hilde Sherman veröffentlichte) beschreibt eben auch die Strapazen der Fuhlsbütteler KZ-Insassen. Hilde Sherman starb 88-jährig in Jerusalem. Ihre Tochter Ruthy (58) war mit Nichte Martha Birmaher (31) angereist, um den Weg ihrer Mutter persönlich abzulaufen.

Um den „Marsch des Lebens“ hatte es zuvor heftige Diskussionen gegeben. Insbesondere einige Vertreter der großen Kirchen warfen den Veranstaltern – den Christlichen Israelfreunden Norddeutschland – bizarre theologische Vorstellungen vor, warnten vor engstirnigen fundamentalistischen Konzepten und rieten von der Teilnahme am „Marsch des Lebens“ ab.

„Vieles ist eine Schublade geraten, wo es schwer ist, mit normalen Argumenten dagegenzuhalten“, erklärte Chef-Organisator Michael Dierks. Und Teilnehmern wie Heinrich Kautzky – bis zur Pensionierung hochrangiger Beamter im Rathaus von Neumünster – kam es sowieso darauf an, der schrecklichen Ereignisse vor 70 Jahren zu gedenken. „Der Marsch, den ich drei Tage lang begleitete, fand in einer angenehmen Atmosphäre statt. Unangemessene Missionierungsversuche habe ich nicht erfahren“, hielt Kautzky Kritikern entgegen.

In Russee empfing nicht nur der Kieler Bürgermeister Peter Todeskino die Marschteilnehmer mit warmen Worten. Auch Hans-Rolf Dräger (95) nahm Ruthy Sherman in die Arme. Der langjährige Schulleiter war als junger Soldat in Riga stationiert. Er konnte sich noch persönlich an die 18-jährige Hilde Zander erinnern, deren Schreckensjahre 1941 im Ghetto auf dem Baltikum begannen.

Verpflegung gab’s beim Todesmarsch so gut wie keine. In ihrem Buch beschrieb Hilde Sherman detailliert, wie die durstigen Mitglieder der 96-köpfigen Fuhlsbütteler Frauengruppe von einer bestimmten Pflanze den Tau ablutschten. Ihre Tochter hat dieses Gewächs mit den eigenwilligen Blättern jetzt beim „Marsch des Lebens“ wiederentdeckt. Es handelt sich um Rauke, wilden Knoblauch. „Jetzt weiß ich auch, warum meine Mutter ihr Leben lang keinen Knoblauch mehr mochte“, sagte Ruthy Sherman gestern mit Tränen in den Augen.  

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