Eutin : Erinnerung als Lebensaufgabe

Interessiert verfolgten die Zehntklässler den Vortrag von Alwin Meyer.Er besucht diese Woche mehrere Schulen des Kreises.
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Interessiert verfolgten die Zehntklässler den Vortrag von Alwin Meyer.Er besucht diese Woche mehrere Schulen des Kreises.

Alwin Meyer berichtet öffentlich und an Schulen anschaulich von den grausamen Erlebnissen überlebender Kinder aus Konzentrationslagern.

shz.de von
23. Januar 2018, 00:14 Uhr

„Erschreckend“, „grausam“, „aber auch interessant“ – so lautete das Fazit dreier Zehntklässler nach dem Vortrag von Alwin Meyer. Der Autor hatte gestern Vormittag vor ihnen und ihren Mitschülern der Wilhelm-Wisser-Schüler über sein jüngstes Werk „Vergiss deinen Namen nicht. Die Kinder von Ausschwitz“ referiert und so den Blick auf für sie bislang unbekannte Fakten gerichtet. „Klar, hatten wir etwas über den Zweiten Weltkrieg, aber nicht, dass davon auch so viele Kinder betroffen waren“, sagte ein 16-Jähriger nach der Veranstaltung berührt.

Alwin Meyer begann mit Zahlen: Auschwitz-Birkenau gilt als eines der größten von rund 1000 Konzentrationslagern, die die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 durch Sklavenarbeit errichten ließen. „Unter den 1,3 Millionen Menschen, die damals in den Lagern vernichtet wurden, waren 1,1 Millionen Juden. Das wäre so, als würden heute massenweise Katholiken, Protestanten oder Muslime wegen ihrer Religion ermordet“, sagt Alwin Meyer. Von den 232 000 Säuglingen, Babys und Kindern des Lagers erlebten nur rund 650 Kinder die Befreiung am 27. Januar 1945, die meisten von ihnen waren jünger als 13 Jahre.

Alwin Meyer selbst war 21 Jahre alt, als er mit anderen jungen Erwachsenen das Lager Auschwitz-Birkenau 1972 besuchte. „Weder in der Schule, noch in der Kirchengemeinde oder von meinen Eltern hatte ich bis dahin etwas darüber gehört. Ich wusste nur ganz, ganz wenig“, sagt Alwin Meyer, heute 67, zu Zehntklässlern der Wilhelm-Wisser-Gemeinschaftsschule. Meyer habe damals kaum Worte für das entsetzliche Gefühl gehabt, das ihn in Auschwitz erfüllte und nicht mehr loslassen wollte. „Ich war unheimlich wütend, dass das meine Vorfahren gemacht haben“, sagt Meyer. Er machte es sich zu seiner Lebensaufgabe, überlebende Kinder von Auschwitz zu suchen, sie zu treffen und ihre Geschichten in Büchern zu veröffentlichen – gegen das Vergessen. „Vergiss deinen Namen nicht. Die Kinder von Ausschwitz“ heißt der Titel, den Meyer anlässlich des Jubiläums „70 Jahre nach der Befreiung“ veröffentlichte. Seit 1972 hat er mehr als 80 Kinder von damals getroffen, manche mehr als 25 Mal insgesamt – und noch heute sucht Alwin Meyer weiter.

In schwarz-weiß Bildern – anfangs von den Kindern und ihren Familien, später von Lagersituationen – kombiniert mit der Geschichte hinter dem Bild, schafft es Meyer, seine Zuhörer zu fesseln. Er berichtet beispielsweise von Jürgen Löwenstein, dessen Kindheit endete, als er die Nationalsozialisten in seiner Heimatstadt Berlin die Zeilen „wenn das Judenblut vom Messer spritzt, geht’s nochmal so gut“ beim Marsch durch die Straßen grölen hörte. „Damals war er sieben“, sagt Meyer. Wenig später sei Löwenstein mit seiner Mutter deportiert worden.

Yehuda Bacon, heute ein angesehener israelischer Maler, berichtete Meyer, wie sie als Kinder am Straßenrand standen und fast begeistert die Panzer anfassten. „Weder sie noch die Erwachsene hatten anfangs eine Ahnung von dem, was da auf sie zu kommt“, sagt Meyer. Er schildert Erlebnisse aus den Zügen, in denen Menschen wie Vieh behandelt in Konzentrationslager gekarrt wurden oder; auch die Schreie ihrer Eltern bei der „Selektion“ nach der Ankunft erinnern alle.

Der Autor berichtete von Experimenten an gut 350 Zwillingen durch den SS-Arzt Josef Mengele – und auszugsweise von den Traumen, die seine Gesprächspartner zu Lebzeiten nie losließen, von Säuglingen und Schwangeren, die getötet wurden, von Scheiterhaufen für Kinder bis sechs Jahre und von der Asche aus den Krematorien, die zwischen die Baracken im Winter als Streugut gekippt wurde. Aber Meyer sprach auch von mutigen Menschen, die sich kurz vor der Befreiung ins Lager trauten, um Kinder zu retten, sie zu adoptieren und ein Zuhause zu geben; berichtete von dem Leben nach Auschwitz. „Ich empfinde es als große Lebensleistung trotz allem, was diese Menschen durchgemacht haben, sich ein Leben aufzubauen, eine Familie zu gründen“, sagt Meyer. Viele der Überlebenden leiden noch immer stumm, so Meyer, sehr viele nahmen sich auch in jungen Jahren nach der Befreiung das Leben. Im Alter, so der Autor, hole die Menschen das Erlebte aus dem Lager oft wieder ein. „Auschwitz lässt dich nie los“, hörte er von vielen Überlebenden. Nicht nur ihr Körper ist mit der Identifikationsnummer des Lagers gezeichnet, auch ihre Seele ist gebrandmarkt.

Dass er weitersucht, sei für ihn keine Frage. Nicht nur in Büchern auch in Ausstellungen halte er die Erinnerung und die Geschichten der Überlebenden am Leben – in Deutschland, Belgien, Luxemburg, Polen und Tschechien oder gar Japan. „Wenn ich kann, suche ich bis ich 80 Jahre bin, weiter. Diese Menschen sind heute Teil meines Lebens. Sie sind mir so wichtig wie meine Familie“, sagt Meyer. Viele haben sich ihm, „ausgerechnet einem Deutschen“ gegenüber das erste mal geöffnet, vorher Jahrzehnte über die Grausamkeiten des Lagers geschwiegen. Nur selten sei es vorgekommen, dass die Gefundenen wegen seiner Nationalität nicht mit ihm reden wollten – „die meisten wollten nicht, dass die Nazis ihr Ziel erreichen, sie kamen zurück nach Deutschland, besuchten auch die Gedenkstätte Auschwitz“ – das Lager, das ihnen die Kindheit nahm. Meyer habe noch heute Kontakt zu den Überlebenden und deren Familien. Sie haben gelernt, wieder einem Deutschen zu vertrauen.


Wer noch mehr erfahren möchte: Alwin Meyer liest morgen, 24. Januar, ab 19 Uhr in der Kreisbibliothek. Der Eintritt ist frei.

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