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Ostholsteiner Anzeiger

18. August 2017 | 19:10 Uhr

Entsetzen in Süsel über Stromtrasse

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Tennet-Vertreter machten bei Informationsveranstaltung in Bujendorf deutlich: Korridor durch das Hinterland ist die beste Lösung

Ernüchterung und Entsetzen: Zwischen diesen beiden Polen schwankte bei vielen der 140 Zuhörer am Dienstagabend die Stimmung. Anlass war ein Informationsabend in der Bujendorfer Schützenhalle über Pläne der Firma Tennet, eine neue Stromleitung quer durch die Gemeinde Süsel zu bauen.

Vertreter des Unternehmens ließen wenig Zweifel, dass diese Trassenführung mit großer Wahrscheinlichkeit verwirklicht werde, obwohl sie von der direkten und damit kürzestmöglichen Verbindung zwischen Göhl und Lübeck deutlich abweicht. Die neuen Kabel sollen die von Windrädern an der Küste produzierte Energie ins Land schaffen.

Bürgermeister Holger Reinholdt machte zur Eröffnung deutlich, dass eine Diskussion über die Notwendigkeit dieser Leitung ebenso wenig Sinn mache wie die Forderung nach einer durchgehenden Erdverkabelung. Selbst bei der grundsätzlichen Entscheidung über den Trassenverlauf werde es aller Voraussicht nach keine Änderung mehr geben.

Uwe Herrmann von Tennet erläuterte, warum: In einem aufwendigen Verfahren, das viele Faktoren wie Schutzflächen und Wohnbebauung berücksichtige, seien verschiedene mögliche Korridore für den Bau einer 380-Kilovolt-Leitung untersucht worden. Diese Korridore seien mindestens 500 Meter breit, und innerhalb dieses Raumes gebe es Spielraum.

Ein möglicher Korridor entlang der Ostseeküste sei aus verschiedenen Gründen teurer und mit größerem Aufwand verbunden als ein Umweg durchs Hinterland, der in diesem Fall durch die Gemeinden Scharbeutz und Süsel führt.

Der Korridor führt aus Richtung Pönitz westlich an Kesdorf und Barkau vorbei Richtung Gothendorf. Dort sieht eine Variante einen Schwenk vor dem Ort nach Nordosten vor, über die Schwartau hinweg ginge es westlich von Fassensdorf zu der Trasse einer vorhanden 110-kV-Leitung und dieser folgend südlich von Bockholt, Röbel und Bujendorf vorbei Richtung Neustadt.

Forderung nach einer Erdverkabelung werde man nur unter bestimmten Voraussetzungen und bei begrenzten Abschnitten erfüllen können, sagte Till Klages von Tennet. Zugleich widersprach er Behauptungen über Mindestabstände, die mit einer solchen Leitung von Wohnbebauung einzuhalten seien: Zahlen wie 200 Meter zu Einzelhäusern oder 400 Meter zu Siedlungen gebe es in keiner für Schleswig-Holstein geltenden Verordnung. Dort werde der Abstand allein über die zulässige Stärke von Magnetstrahlung und die Geräuschentwicklung, die mit Stromleitungen verbunden sind, geregelt – und da könnten 20 Meter schon ausreichend sein.

Ungeachtet dessen werde man immer versuchen, so weit wie möglich von Bebauung fern zu bleiben. Die Integration einer vorhandenen 110-kV-Leitung in eine neue 380-kV-Leitung sei unter
bestimmten Bedingungen möglich, allerdings müssten die dadurch entstehenden Mehrkosten begründet sein, weil es sonst – wie auch bei Erdkabeln – keine behördliche Genehmigung gebe.

Eine solche sogenannte Mischtrasse mit Kabeln für 110 und 380 Kilovolt brauche zwar weniger Fläche, weil nicht zwei Leitungen nebeneinander liefen, sie sei dafür aber höher. Verzichten könne man auf die 110-kV-Leitung nicht, sie habe die Aufgabe, die Stadt Eutin mit Strom zu versorgen.

Trotz der Ermahnung des Bürgermeisters, die Notwendigkeit der Trasse insgesamt oder ihren Verlauf durch die Gemeinde in Frage zu stellen, wurden in der Diskussion natürlich beide Punkte angesprochen. Das reichte von dem Hinweis, dass sich die Bayern gegen neue Stromtrassen erfolgreich gewehrt hätten, bis zu der Einschätzung, dass die Bürgermeister der Ostseebäder offenbar mit dem Protest gegen eine 380-kV-Leitung durch ihre küstennahe Orte gewichtiger gewesen seien als die Stimme der Süseler Gemeindevertretung.

Die Bäder seien allerdings auch durch die Schienenverkehr und Autobahn schon stark belastet, und in diesem engen Korridor gebe es auch Naturschutzgebiete, argumentiert Uwe Herrmann. Das Naturschutzgebiet Barkauer See habe mit dem europäischen Schutzstatus als FFH-Gebiet auch Einfluss auf den Trassenverlauf. Die Schutzbestimmungen könnten noch dazu führen, dass die Leitung nicht südöstlich an Gothendorf vorbeigeführt werden könne, sondern westlich und nördlich um den Ort laufen müsse.

Etliche Bürger bekundeten Kritik, dass die Korridore offenbar schon festgelegt seien und man darauf keinen Einfluss habe: „Das ist hier also eine Informations- und keine Diskussionsveranstaltung“, konstatierte Dr. Alfred Busse (Röbel), und dem pflichteten viele bei – auch wenn Uwe Herrmann betonte, dass es doch noch viele Einflussmöglichkeiten gebe, nämlich bei vielen Details und beim Verlauf der Leitung innerhalb des Korridors.

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erstellt am 30.Sep.2015 | 16:34 Uhr

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