Entscheidend ist das Ergebnis

Amtsrichter Otto Witt geht in den Ruhestand. In seiner letzten Verhandlung am Amtsgericht Eutin begleiteten ihn der Erste Staatsanwalt Kai-Uwe Bergfeld und die Justizbeamtin Cressida Schacht.
Amtsrichter Otto Witt geht in den Ruhestand. In seiner letzten Verhandlung am Amtsgericht Eutin begleiteten ihn der Erste Staatsanwalt Kai-Uwe Bergfeld und die Justizbeamtin Cressida Schacht.

Amtsrichter Otto Witt aus Gothendorf geht heute nach 33 Jahren am Eutiner Amtsgericht in den wohlverdienten Ruhestand

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19. März 2018, 22:53 Uhr

Es sind gemischte Gefühle, die Otto Witt in diesen März-Tagen bewegen. Der ebenso dankbare wie demütige Blick auf ein erfülltes Berufsleben auf der einen und die Freude über das, was jetzt noch alles kommt, auf der anderen Seite. Der Amtsrichter, der so viel Freude an seinem Beruf hat, geht am kommenden Donnerstag in den Ruhestand.

Vor wenigen Tagen erst hatte der überzeugte Jeansträger Otto Witt das letzte Mal seine Robe nach einer dreistündigen Verhandlung abgestreift. Mit 65 Jahren und sechs Monaten soll für ihn nun Schluss sein mit Verhandlungen als Einzelrichter und Vorsitzender des Schöffengerichts. Es sind die kleinen Momente, die ihn bewegen. „Mir blutet das Herz, weil er geht“, sagt die Justizbeamtin Cressida Schacht nach der letzten Sitzung mit Otto Witt. Der zeigt sich berührt, legt sich nach dem vielen Reden in der gerade geschlossenen Verhandlung eine Pastille auf die Zunge.

Kai-Uwe Bergfeld, Erster Staatsanwalt der Staatsanwaltschaft in Lübeck, bringt es auf den Punkt: „Hier in Eutin gehen die Verhandlungen mit Otto Witt immer angenehm schnell.“ Es wurde erschöpfend gefragt, die Urteile stimmten und es habe nie Probleme gegeben. Dann überraschten Otto Witt etwa zehn Staatsanwälte auf einmal. Sie dankten mit einer Satteltasche fürs Fahrrad für das gute Miteinander.

In Hamburg hatte sich mal ein sehr fragwürdiger Jurist den Titel „Richter Gnadenlos“ verdient. Wenn man Otto Witt mit einem Zusatz versehen sollte, dann wäre wohl die durchaus positiv besetzte Bezeichnung „Richter Effizient“ die richtige. „Ich habe eine gute Selbstorganisation und gehe rational an meine Arbeit“, beschreibt sich Otto Witt nach nun 33 Jahren als Richter in Eutin als ein „effizienter Arbeiter“, der seinen beruflichen Weg nie bereut hat. Ein dickes Gesetzbuch sorgt bei ihm aber auch schon mal dafür, dass eine Tür durch heftigen Zugwind nicht einfach zuschlägt.

Gesellschaftliche und juristische Dinge haben ihn schon immer interessiert. Er beginnt nach dem Abitur mit 18 Jahren an der Kieler Universität sein Jura-Studium, das ihn zehn Semester bindet. Daneben ist Otto Witt immer in der Landwirtschaft tätig: „Zuerst gemeinsam mit meinem Vater, meinem Schwiegervater und später mit meinen Söhnen.“

Es folgen das erste Staatsexamen, die Staatsanwaltschaft und das Landgericht mit einem guten Ausbilder, der früh das große Potenzial von Otto Witt erkannte. 1980 folgt das zweite Staatsexamen – Otto Witt ist bereits mit Ehefrau Ute verheiratet und der erste Sohn Jan war geboren. Es folgen berufliche Stationen in Lübeck, Bad Oldesloe, Reinbek und ab 1985 das Amtsgericht in Eutin mit am Ende unzähligen Verhandlungen.

Dabei hat sich das Verhalten der Angeklagten in den vergangenen 33 Jahren nicht wesentlich verändert. „Meine Aufgabe ist es, Situationen zu verstehen und ein Gefühl dafür zu entwickeln“, sieht Otto Witt seine Rolle als Amtsrichter, „es werde immer wieder Menschen geben, die Fehler gemacht haben“. Von Otto Witt erhalten sie eine verständnisvolle Reaktion. Witt wird ernst: „Ich hasse Arroganz – und das sage ich auch den jungen Referendaren.“

Das war es denn wohl auch, was den ersten Vorgesetzten von Otto Witt zu der Beurteilung brachte: „Otto Witt hat ein Geständnis förderndes Verhalten in seinen Verhandlungen...“ Dabei sieht Otto Witt seine Arbeit auch als eine Form von Sozialarbeit des Staates aufgrund von strafbarem Verhalten. Seine Berufsökonomie lautet: einfach mehr miteinander sprechen.
„Denn manchmal reicht auch nur ein Rat, bevor man in das Gesetz schaut“, sagt Otto Witt mit einem Schmunzeln.

Und er scheut sich auch nicht, einen Angeklagten durch persönliche Ansprache auf den richtigen Weg zu führen. „Ich bin da gar nicht zurückhaltend, wohl aber ausgleichend und sehr harmoniebedürftig“, weist Otto Witt darauf hin, dass am Ende der Verhandlung das Ergebnis entscheidend ist. Die jeweilige Entscheidung muss vom Angeklagten verstanden und zumindest nachvollzogen werden können.

Das Verhältnis zu den Eutiner Anwälten, mit denen er es vielfältig zu tun hatte, sei stets sehr gut gewesen. „In all den Jahren hat es nur eine einzige Beschwerde über mich gegeben“, erinnert sich Otto Witt. In einer nicht endenden Familiensache um das Sorgerecht für ein Kind hatte er dem sich immer wieder streitenden Ehepaar gesagt, dass er es einfach nicht mehr sehen könne. Witt: „Dafür habe ich mich später dann entschuldigt.“

Die Strafdelikte, die heute die Terminliste der Staatsanwaltschaft bestimmen, gab es auch vor 33 Jahren schon. „Straftaten in Verbindung mit Drogen sind gestiegen und sehr oft mit großer Brutalität verbunden“, hat Amtsrichter Otto Witt beobachtet. Die Brutalität werde quantitativ leider durch die sehr oft verharmlosende Darstellung von Gewalt im Fernsehen geschürt.

Die Verhandlung des schweren Verkehrsunfalls mit elf Toten auf der B 76 am Kuhlbuscher Berg hatte Otto Witt geführt. Er erinnert sich an den Lkw-Fahrer als tragische Figur und später angeklagte Hubschrauberpiloten, die distanzlos mit Fotografen und Kamerateams an Bord viel zu tief über die Unfallstelle geflogen seien.

Vier Jahre Gefängnis ohne Bewährung urteilte Otto Witt als höchste Strafe, die ein Amtsgericht verhängen darf, wegen der Vergewaltigung eines kleinen Jungen in Eutin. Er erinnert sich an Überfälle von Eutiner Jugendlichen auf Tankstellen aber auch etliche fahrlässige Tötungen im Straßenverkehr: „Das berührt mich oft sehr, weil jeder von uns diese Fehler machen kann, die zum Tod eines Menschen führen.“ Auch ein Richter sei manchmal betroffen, zeige Emotionen.

Neben seinem Beruf bewirtschaftet Otto Witt mit seinen Söhnen Jan und Lars die elterlichen Bauernhöfe in Kesdorf und Gothendorf. Seit 1990 sind sie als Biobetrieb zertifiziert. Ehefrau Ute, mit der Otto Witt auch Tochter Anna hat, ist mit im Familienbetrieb tätig. „Sie hält mir auch den Rücken frei“, ist Otto Witt dankbar. So hatte er Zeit, neben seinem Dienst als Amtsrichter 20 Jahre Dorfvorsteher in Gothendorf zu sein und sich 30 Jahre in der Kreisjägerschaft Eutin – davon zwölf Jahre als Vorsitzender – ehrenamtlich zu engagieren. Derzeit mischt Otto Witt noch im Präsidium des Landesjagdverbandes Schleswig-Holstein mit, ist Vorsitzender des Stiftungsrates der Mierendorff-Stiftung und Justiziar des DRK-Kreisverbandes Ostholstein.

Schließlich sind da noch seine vier Enkel – drei Mädchen und ein Junge - die Zeit von ihrem Opa einfordern. „Die will ich ihnen gern geben“, sagt Otto Witt zufrieden im Bunde mit seiner Entscheidung. Er weiß aber auch: „Ich werde das Amtsgericht vermissen und mich dem auch stellen müssen.“ Die Arbeit in Eutin habe ihm sehr viel bedeutet. Die interne Verabschiedung von Otto Witt findet am Gründonnerstag, seinem letzten Arbeitstag, im Amtsgericht Eutin statt.

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