Malente : Endlich: Der Bürgerbus rollt

Sie waren die ersten Fahrgäste: Hildegard Milbrodt (links), Elke Malchau und ihr Mann Horst.
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Sie waren die ersten Fahrgäste: Hildegard Milbrodt (links), Elke Malchau und ihr Mann Horst.

Der Start des Projektes wurde auch in der Landeshauptstadt registriert. Fahrgäste äußern sich begeistert über das Angebot

shz.de von
10. Januar 2017, 04:45 Uhr

Es ist die Jungfernfahrt. Doch Holger Bröhl steuert den Malenter Bürgerbus an diesem Montagvormittag so routiniert durch den Ort und über schmale, kurvige Landstraßen, als hätte der 67-Jährige sein Leben lang nichts anderes gemacht. Nur der Fahrplan ist gleich zu Beginn durcheinander geraten. Ein NDR-Fernsehteam verzögert mit seinen Aufnahmen nicht nur die Abfahrt, sondern sorgt auch unterwegs für unplanmäßige Stopps, um den Bus in voller Fahrt zu filmen.

Hildegard Milbrodt, Elke Malchau und ihren Mann Horst stört das nicht. Sie haben die Gelegenheit genutzt, um sich mit dem „de lütte Lenter“ getauften, nagelneuen VW LT einmal über die sogenannte Malenter Acht über die Dörfer chauffieren zu lassen. Das kostet sie nur etwas Zeit, aber keinen Cent. Denn der Bus nimmt die Fahrgäste kostenlos mit. Plausibel zu begründen, warum das so ist, fällt Michael Winkel, Vorstandssprecher des Bürgerbusvereins, im Interview sichtlich schwer.

Doch um Fahrgelder einnehmen zu dürfen, hätte sich der Verein mit der NOB, dem vom Kreis Ostholstein beauftragten Busunternehmen, vertraglich einigen müssen. Hätte der Verein sich das zum Ziel gesetzt, würde der Bus nach zweieinhalb Jahren intensiver Arbeit wohl immer noch nicht fahren. So hängt lediglich eine Spendendose im Bus, verknüpft mit der Hoffnung, dass möglichst viele das Angebot so schätzen, dass sie es mit einem Obolus unterstützen.

„Jetzt müssen die Leute einsteigen und der Bedarf muss sich beweisen“, sagt Winkel. Bei „Hilde“ Milbrodt dürfte das der Fall sein. Sie zog vor fünf Jahren von Niederkleveez nach Malente. „Jetzt kann ich ab und zu mit dem Bus nach Niederkleveez fahren und Nachbarn und Freunde besuchen oder mal auf den Friedhof gehen“, freut sich die 78-Jährige. Auch Elke Malchau ist begeistert. „Ich finde das ganz toll und hoffe, dass das in Malente angenommen wird“, sagt die Vorsitzende des Malenter Seniorenbeirats. Sie wohnt in Sieversdorf und nahm auch schon mal ein Taxi nach Malente, weil kein Bus fuhr. „Das kostet 10,70 Euro“, weiß die 71-Jährige.

Bürgermeisterin Tanja Rönck zeigt sich bei der Abfahrt optimistisch, dass der Bürgerbus auch über die nun erst einmal finanziell gesicherte dreijährige Modellphase hinaus fahren wird. „Weil das Angebot einfach benötigt wird“, sagt sie. Außerdem hätten die Macher an alles gedacht. Eine Rollstuhlrampe sei ebenso an Bord wie Kindersitze. Und wenn es erforderlich sei, fahre der Bürgerbus auf Anfrage bei Fahrdienstleiter Ingo Wagner auch bis vor die Haustür.

Oscar Klose, der das Projekt als Mitarbeiter des Fachdienstes Regionale Planung beim Kreis Ostholstein betreut, glaubt auch, dass ein Bedarf da ist. Er verweist auf die Bürgerbusse in Ladelund (Kreis Nordfriesland) und auf Fehmarn. Dort sei die Nachfrage so groß, dass mit mehreren Fahrzeugen gefahren werde.

Aufmerksam registriert wurde der Start des Malenter Bürgerbusses selbst in der Landeshauptstadt. Die Piraten nahmen die Jungfernfahrt zum Anlass, um bessere Bedingungen für ehrenamtlich getragene Bürgerbusse zu fordern. „Seit fast zwei Jahren versuchen wir die Landesregierung davon zu überzeugen, endlich einen Leitfaden für interessierte Kommunen aufzulegen“, erklärte der verkehrspolitische Sprecher der Landtagsfraktion der Piraten, Uli König, in Kiel. Mit einem solchen „Best-Practice-Handbuch“ könnten noch viel mehr Kommunen den ÖPNV in die eigene Hand nehmen. Damit spricht er Michael Winkel aus der Seele. „So ein Leitfaden für Schleswig-Holstein wäre genial“, sagte er. Damit müsse nicht jeder Bürgerbus von vorne anfangen. König verlangte außerdem eine Landesförderung für Anschaffung und Finanzierung der laufenden Kosten der Bürgerbusse. Aus Winkels Sicht wäre das eine große Hilfe. „Das würde eine riesige Hemmschwelle nehmen.“

Auf der ersten Fahrt des Malenter Bürgerbusses ist die Nachfrage noch verhalten. Immerhin: In Timmdorf wird der Bus nicht nur vom Ehepaar Roth begrüßt, das mit einem Bettlaken winkt. Es steigt auch noch ein Ehepaar ein. Und bei einem Zwischenstopp am Bahnhof entert Karin Link den weißen Kleinbus mit seinen acht Fahrgastplätzen. Sie sei gerade mit dem Zug von einem Arzttermin aus Preetz zurückgekehrt und wolle nun nach Rachut, wo sie wohne. Zu Fuß wäre sie eine Dreiviertelstunde unterwegs gewesen, erklärt sie und schwärmt: „Das Angebot ist richtig gut.“ Sie werde es auch künftig nutzen.


Kontakt: Fahrdienstleiter Ingo Wagner ist per Telefon unter den Nummern 04523/2076872 und 0157/74255363 zu erreichen.

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