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Ostholsteiner Anzeiger

15. Dezember 2017 | 13:43 Uhr

Elsa Schmidtke feiert heute 100. Geburtstag

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

shz.de von
erstellt am 25.Sep.2015 | 12:54 Uhr

Eigentlich war die Flucht aus ihrer Geburtsstadt Danzig noch nicht zu Ende, Eutin sollte nur eine Zwischenstation sein. Doch als ihre Mutter hier ins Krankenhaus kam, weigerte sich Elsa Schmidtke, die Rosenstadt zu verlassen. Das war 1945, und das Schicksal wollte es, dass Eutin ihre neue Heimat wurde. Heute feiert sie hier ihren 100. Geburtstag.

Vor dem Verlust der Heimat hatte der von den Nationalsozialisten entfesselte Zweite Weltkrieg Elsa Schmidt bereits einen schweren Schicksalsschlag zugefügt. Wenige Monate, nachdem sie ihren Mann Kurt am 21. Mai 1942 geheiratet hatte, fiel er im Krieg. „Ich hatte noch nicht mal mehr die Möglichkeit, ihm zu sagen, dass wir ein Kind bekommen“, sagt Schmidtke.

Ihr Sohn Karl Dietmar war gerade zwei Jahre alt, da flüchtete Elsa Schmidtke mit ihm und ihrer Mutter über die Ostsee. „Sechs Tage waren wir auf dem Schiff unterwegs. 8000 Menschen befanden sich mit uns dort. Das Schiff war total überfüllt.“ Doch das Schiff schaffte die Überfahrt. Es war eins von drei Schiffen, die in Danzig abgelegt hatten. Eines davon war die „Wilhelm Gustloff“, die vor der Küste Pommerns von einem sowjetischen U-Boot versenkt wurde – Tausende starben.

Vom Kieler Hafen aus ging es für die Flüchtlinge per Bahn weiter. Schmidtkes Zug machte in Eutin halt. „Die erste Nacht haben wir in der Kaserne geschlafen, dann sollten wir am nächsten Tag weiter gebracht werden.“ Doch wie beschrieben kam es anders: „Wir waren die ersten Ostflüchtlinge in der Stadt“, erinnert sich die Jubilarin, die eine Enkelin hat.

Die Anfangszeit sei schwer gewesen. Die Wirtin, bei sie gewohnt hätten, habe sie schlecht behandelt, und es habe nur das Nötigste für die drei gegeben. Ihren kleinen Sohn nahm Elsa Schmidtke jeden Tag mit in die Gärtnerei, in der sie den ganzen Tag arbeitete – für einen Liter Milch am Tag.

1949 kam Schmidtkes Vater nach. Er sorgte dafür, dass die Familie eine bessere Unterkunft bekam. Ab da bewohnte die Familie mit vier Personen zwei Zimmer in der Weberstraße in Eutin. Schmidtke fand eine neue Stelle im Büro eines Fertigungsbetriebes und zog 1956 mit ihrem Sohn in ein eigenes Haus. Die letzten 20 Jahre
vor ihrer Rente war Elsa Schmidtke bei der Kreisverwaltung Eutin angestellt.

Willensstark, tatkräftig und souverän beschreibt ihre Familie sie, und das strahlt Elsa Schmidtke auch aus. Ganz Europa habe sie bereist. „Mit 80 Jahren war ich sogar noch in Mexiko“, berichtet Schmidtke. Besonders oft zog es sie in ihre Heimat nach Danzig. Zuletzt war sie vor zehn Jahren in Tschechien. „Reisen macht sehr glücklich und hält jung“, verrät Elsa Schmidtke ihr Geheimnis für ein langes Leben.

Das Interesse an der Welt habe sie schon immer gehegt, und so sei es auch heute noch, sagt Elsa Schmidtke. Jeden Tag höre sie die Nachrichten und verfolge besonders das Flüchtlingsgeschehen, das sie an ihr eigenes Schicksal erinnere.

Sie ist zwar mittlerweile auf den Rollstuhl angewiesen, dennoch ist die Eutinerin immer noch unternehmungslustig. Erst vor wenigen Tagen machte sie mit ihrem Sohn einen Ausflug in den Hansa-Park. „Ich wollte sehen, wie es heute dort aussieht“, erklärt sie. Es habe sich vieles verändert.

Ihren Geburtstag feiert
Elsa Schmidtke heute mit Familie und Freunden im Seniorenzentrum Protalis. Dort lebt sie seit 2005.

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