Einkaufsbummel in Eutin um 1870 herum

Georg Grantz baute 1875 das Geschäftshaus Königstraße 14, mit dem er auch  bewusst warb. Foto: oben: archiv oh-museum
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Georg Grantz baute 1875 das Geschäftshaus Königstraße 14, mit dem er auch bewusst warb. Foto: oben: archiv oh-museum

Das exotisch anmutende, breit gefächerte Angebot des Kaufmanns August Schöning und die in der Stadt allgegenwärtige Familie Grantz

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07. April 2012, 08:25 Uhr

Eutin | Am Markt, dem Ort der Stadt, an dem man bis heute seine Shoppingtour starten kann, hat es auch schon früher die meisten Einkaufsmöglichkeiten gegeben. Allerdings hat es die

Warensortimente, die heute zwischen Kleidung und Schuhen, Schlachtereiartikeln und Kosmetik doch in den Einzelhandelsgeschäften recht klar voneinander abgegrenzt sind, in dieser Form nicht gegeben. Es scheint fast so, als hätten viele "fast alles" verkauft.

Nehmen wir den Laden des Kaufmanns August Schöning einmal etwas näher unter die Lupe. Im "Anzeiger für das Fürstentum Lübeck" finden wir in den Jahren unmittelbar nach der Gründung des Kaiserreiches (1871 bis 1877) folgendes Spektrum:

Delikatessen wie Sardellen, Anschovis, Matjes und geräucherte Bücklinge werden ebenso verkauft wie Leber- und Mettwurst, aber auch amerikanisches Corned Beef. Mandarinen, getrocknetes Obst, Weintrauben, Nüsse, Ingwer und Pflaumen sind im Angebot, ebenso wie Käse, Kindergries und Mehl. Kaffee, Mokka, weißer Honig und Niederegger-Marzipan können ebenso bei Schöning erworben werden.

Obwohl in Eutin verschiedene Spirituosenhändler ansässig sind, finden bei Schö-ning auch Wein, Limonen-extrakt, der appetitanregende Pepsin-Wein, Flaschenbier, Branntwein, Duisburger Zauberwasser sowie Schnäpse und Liköre der Kieler Firma Fritz Lehment ihre Käufer.

Doch auch der so genannte Non-Food-Bereich ist im Laden von August Schöning reich vertreten. Sämereien und Saatgetreide, Inkarnat-Klee, Drogen und Chemikalien werden ebenso feilgehalten wie Salicysäure und Fußbodenglanz-Öl, Weihnachtskerzen und Lederwaren. Auch "japanesische" Drachen und bengalisches Feuer sind zu haben. Während sich die Herren mit Kautabak und Zigarren der Marke "La Viktoria" vergnügen, gönnt sich die Eutinerin ein Parfum mit Blütenextrakt oder ein Badesalz.

Doch auch Zutaten der leichten und heute so beliebten italienischen Küche können bei Schöning gekauft werden: Livorneser Olivenöl, echt italienische "Macarony" und Parmesan. Und zum Dessert könnte es "Gingernuts und englische Biscuits" geben oder auch einen aus Pulver gekochten Pudding, zu dessen Zubereitung die Anleitung mitgeliefert wird.

Doch wer nun glaubt, dass man ja eigentlich nur zur Schöning gehen muss, um alles zu bekommen, der ignoriert die vielen anderen Einzelhändler, die ebenfalls ihre Waren an den Kunden bringen möchten.

Unmittelbar neben Schö-ning finden wir den Laden von Theodor Grantz, einem Buchbinder. Die Buchbinderei ist ein altes Handwerk, mit dem der Eutiner des 20. Jahrhunderts nur selten direkt in Kontakt tritt. Allerdings hat auch schon Theodor frühzeitig verschiedene andere Aktivitäten entwickelt, um sich mit seinem Gewerbe am Markt zu behaupten. Sicherlich ist er eine rührige Person gewesen, aber auch seine familiäre Einbindung dürfte ihm zur Hilfe gekommen sein.

Die älteren Eutiner können sich noch gut an ein Sportgeschäft in der Riemannstraße erinnern, bei dem Fahrräder und Trainingsanzüge, vor allem aber Lederbälle erworben werden konnten. Hier waren nicht in erster Linie Kaufleute am Zug, sondern solide Handwerker, die ihre Waren schon seit über einhundert Jahren in der Bevölkerung an den Mann gebracht haben.

Denn bei der Familie Grantz handelt es sich zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Eutin um einen "familiären Großkonzern mit verwickelten internen Beziehungen". Wir kennen den Weißgerber in der Kieler Straße (Riemannstraße). Wir können Hochzeiten, Kindstaufen und Todesfälle in der Zeitung verfolgen, Viehfutter wird abgegeben, der Hund läuft weg und C. D. Grantz verkauft "ausgezehrte Lohe".

Zeitweise lebt hier der Tischlermeister J. P. Grantz, der aber bald in sein Haus Schloßstraße, Ecke Wasserstraße, zieht und dort mit Möbeln und Spielzeug handelt. Nach seinem Konkurs wird das Haus an den Organisten und Möbelhändler Doll verkauft, der aber sei-nerseits Jahre später ebenfalls Insolvenz anmelden muss.

Der Färbermeister Grantz, der an der Sackbrücke (Am Rosengarten) wohnt und seine Waren auf der Bleiche der Sonne aussetzt, handelt auch mit Bier und Beefsteak. Dieser Familienzweig scheint besonders risikofreudig gewesen zu sein, ist er es doch, der nach Amerika auswandert. Durch einen Hinweis auf verfälschte Butter, die nicht die Schuld an der Krankheit trägt, die die Atlantiküberquerung wohl verzögert hat, erfahren wir aus der Zeitung im April 1852 von diesem Unternehmen.

Physikus Roth und Hof-apotheker Kindt rehabilitieren den Butterlieferanten

Lorentzen aus Sieversdorf. Das Haus des Färbermeisters Grantz wird an den Färber Keil verkauft, der es im Jahr 1927 an die Stadt veräußert. Sie legt an dieser Stelle den Durchgang zum Großen Eutiner See an.

Ebenfalls an der Sackbrücke lebt der Gold- und Silberschmied A. C. W. Grantz, der mit seinen zahlreichen Kindern mehrfach das Wohnhaus wechselt. Eine Generation später ist es der Uhrmacher Grantz, der direkt neben dem Rathaus seine Waren verkauft.

Ein weiteres Mitglied dieser Familie ist Georg Grantz, der in Eutin die ersten Nähmaschinen auf den Markt bringt. Als ausgebildeter Posamentierer bietet er Stickereien und Knöpfe, Damenputz, Spielsachen, Nähseide und Gürtel. Müffchen und Seelenwärmer sind hier ebenso zu haben wie "Gichtwatte" und Wollzeug gegen Rheumatismus.

Friederike Grantz berät die modebewusste Eutinerin bei der Auswahl der zur Krinoline passenden Unterröcke. Das Geschäft wirbt mit dem Hinweis, dass die Reifen gut federn und "bequem" seien, etwas, was man im Zeitalter von T-Shirt und Pullover kaum glauben mag.

Nachdem Georg Grantz

ab 1865 Nähmaschinen annonciert, löst er mit die-

ser technischen Revolution

der Hausschneiderei einen Boom aus. Bald steigen auch die Händler Janus und Spielmann in dieses lukrative Geschäft ein. Und doch ist Grantz’ Gewinn so groß, dass um 1875 ein imposantes Geschäftshaus gebaut werden kann. Es dominiert bis heute die Ecke Königstraße und Schloßstraße. Stolz wirbt der Kaufmann mit seinem neuen Geschäftssitz.

Doch zurück zur Nordseite des Marktes. Im Haus Nr. 5, das im Jahr 1907 einer ver-heerenden Brandkatastrophe zum Opfer fällt, lebt und arbeitet Theodor Grantz. Als Buchbinder handelt er auch mit Schreibmaterialien, Fotoalben und Bilderrahmen. Aber schon bald gehören auch Schulbücher zu seinem Repertoire. Bei ihm ist das Altonarer Wochenblatt zu beziehen; auch sucht er sehr aktiv Mitleser für die Eisenbahn-Zeitung.

Im Gegensatz zu den

Buchhändlern Völckers und Struve bietet er jedoch keinen Leihbüchereiservice an. Dafür sind bei ihm Informationen über optische Geräte zu erhalten, auch wichtige Bestandteile einer Dunkelkammer kann er besorgen. Zeitweise ist in seinem Haus auch das Geschäftslokal der Spar- und Leihkasse untergebracht.

Im April 1878 eröffnet Otto Grantz in der Peterstraße eine Konditorei. Sonntags bietet er Frucht- und Vanille-

eis, außerdem können hier "Schneebälle" und "Lucca-Augen" für die eigene Kaffeetafel gekauft werden.

Die weit verzweigte Familie Grantz bietet sicher noch so manches Geheimnis, das darauf wartet, aus dem Dunkel der Stadtgeschichte gehoben zu werden. Das Studium der alten Ausgaben des Anzeigers wird dabei wertvolle Dienste leisten.

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