zur Navigation springen
Ostholsteiner Anzeiger

23. Oktober 2017 | 07:12 Uhr

Eines Tages stand Telico vor der Tür

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

„Kaum ein Flüchtling findet Arbeit“ lautete vor einem halben Jahr eine Schlagzeile. Niemand bestreitet, dass ist die Integration der meist vor Krieg und Verfolgung geflohenen Menschen wesentlich von der Frage abhängt, ob sie geregelte Arbeit finden. Umfangreiche staatliche Hilfen und ein breiter Fächer an Projekten haben bislang aber nicht die Wirkung entfaltet, die sich zumindest die Optimisten erhofft hatten. Aber es gibt Beispiele, die eine Betrachtung lohnen. Der Ostholsteiner Anzeiger hat drei Eutiner Betriebe, die Flüchtlinge beschäftigen, besucht. Den Auftakt macht heute der Handwerksbetrieb Wagner.

von
erstellt am 12.Apr.2017 | 13:43 Uhr

Als Telico Diallo aus seinem westafrikanischen Heimatland Guinea flüchtete, war er 16 Jahre alt. Mutter und Geschwister blieben zurück. „Es war der 9. April 2014, als ich in Lensahn ankam“, erinnert er sich noch genau an das Datum. Heute ist der 19-Jährige Auszubildender im ersten Lehrjahr im Eutiner Sanitär-, Gas-, Heizungs- und Bauklempnereibetrieb Wagner.

„Meiner Mama gefällt es gut, dass ich hier die Lehre machen kann“, sagt der junge Mann. Er lebte einige Zeit in Wohngruppen des Kinderschutzbundes, zunächst in Zarnekau, später in Eutin. Nach Deutschkursen in Lübeck und an der Eutiner Wilhelm-Wisser-Schule wechselte er an die Kreisberufsschule in Eutin, wo er den Hauptschulabschluss machte. Im März 2016 absolvierte Telico ein zweiwöchiges Schulpraktikum bei dem Inhaber der Firma Wagner, Sanitär- und Heizungstechnikmeister Michael Wignanek. Der 52-Jährige übernahm den Betrieb 2001 und beschäftigt drei Gesellen und drei Lehrlinge.

„Telico war ein guter Praktikant, es war klasse, was er gemacht hat, und er war sehr, sehr fleißig“, erzählt Wignanek rückblickend. „Daher habe ich ihm gesagt, er solle sich hier bewerben. Ich suchte noch einen Auszubildenden für 2016, aber es war schwierig, jemanden zu finden, und bis Juli lagen mir noch keine Bewerbungen vor.“ Also habe er sich bei den Betreuern nach Telico erkundigt, und eines Tages stand der junge Mann vor der Tür. „Wir einigten uns darauf, dass er die Lehre macht, und ich hoffe, dass er sie auch beenden kann“, meint der Chef im Hinblick auf die Aufenthaltsgestattung seines Lehrlings bis 2020.

Dem gefällt die Arbeit sehr gut. Nicht zuletzt, weil er alles machen darf, was man im ersten Lehrjahr so macht, und alle anfallenden Arbeiten erledigt. Er darf überall helfen, bei sämtlichen sanitären Installationsarbeiten dabei sein und den Kollegen zur Hand gehen, sei es, eine Verstopfung zu beseitigen, einen Rohrbruch zu reparieren, Armaturen zu tauschen oder eine Heizungsanlage zu installieren.

Zweimal pro Woche ist Berufsschule. Die Ausbildung dauert insgesamt dreieinhalb Jahre. „Die Fachausdrücke sind schwer, obwohl ich schon gut Deutsch kann“, räumt Telico ein. „Er ist sehr fleißig und sehr pünktlich“, hebt Wignanek die Vorzüge seines Schützlings hervor. „Vom Schulischen her würde ich mir noch ein wenig mehr wünschen. Aber falls es nicht so klappt, macht er das erste Lehrjahr noch einmal“, ist Wignanek entschlossen, Telico erfolgreich durch die Ausbildung zu bringen.

Die könne sich der 19-Jährige eigentlich gar nicht leisten, weil das, was er an Geld zur Verfügung hat, kaum ausreicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, moniert Wignanek. Telico habe sechs Monate auf Wohngeld warten müssen, bekomme jetzt 200 Euro zur Miete dazu sowie eine Ausbildungsvergütung von brutto 500 Euro (netto 399 Euro) im ersten Lehrjahr. Vor der Ausbildung habe er 700 Euro an Leistungen erhalten.

Am Montag (24. April) lesen Sie: Hussein Mirzaiy macht eine Fachverkäufer-Lehre.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen