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Eutin : Eine starke Frau, die anderen helfen möchte

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Gabriele Wieching bietet erstmals am Freitag (13. März) eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Borderline-Patienten in Eutin an.

shz.de von
erstellt am 11.Mär.2015 | 17:45 Uhr

„Ich habe wirklich viel erreicht.“ Die Frau, die das von sich mit Stolz sagt, ist weder in einer Führungsposition noch hat sie einen Nobelpreis gewonnen. Gabriele Wieching (55, Foto) hat gelernt, sich selbst zu lieben, weil sie einfach existiert – für viele Borderliner eine schier unlösbare Aufgabe.

Gabriele Wieching war über 30, als sie die Diagnose bekommen hat. „Aber damals war ich wirklich froh, dass ich endlich wusste, was mit mir los ist, das Kind sozusagen einen Namen hatte.“ Sie habe sich ständig unter Druck und Spannung gefühlt, nie Ruhe empfinden können – für Borderliner ein Dauerzustand. Der Auslöser dafür liegt in ihrer Kindheit. „Mein Vater hat mich sexuell missbraucht. Ich war Tochter und Partnerin gleichermaßen. Meine Mutter hat das nicht interessiert.“ Mit zwölf wurde sie das erste Mal drogenabhängig. Es sei in ihrem Fall eine Verlagerung des Extrems gewesen. „Ich wurde mit dieser ständigen Wut im Bauch nicht fertig, wollte mich selber spüren.“ Sie erinnert sich noch genau an ihren ersten Rausch: „Ich dachte, ‚wie soll ich jemals wieder ohne Drogen leben können‘. Sie haben mich aus meiner schrecklichen Welt befreit.“ Männer mit dem Borderline-Syndrom, das weiß Wieching heute, landen oft auf der schiefen Bahn, weil sie mit der typischen Gefühlsinstabilität nicht umgehen können und sich keine Hilfe suchen. Da seien Frauen anders. Die haben dann aber mit Stigmen zu kämpfen, bevor sie Hilfe erfahren. „Borderliner wirst du nie wieder los, die machen sich immer von jemanden abhängig, sind dumm und inszenieren Dramen, damit sich alle um sie kümmern“, nennt Wieching die meistgehörten Vorurteile. Sie sagt: „Klar gehört es zum Krankheitsbild, dass Borderliner besonders empfänglich für Abhängigkeiten sind.“ Dies sei ein Grund, weshalb sie aktuell in keiner Beziehung lebe: „Ich habe für mich beschlossen, dass ich erst komplett mit mir selbst im Reinen sein muss, bevor ich einem anderen Partner auf Augenhöhe begegnen kann. Alles andere will ich nicht.“ Viele, so sagt sie, haben nicht die Kraft, sich aktiv aus der Borderline-Spirale zu bewegen, sie definierten sich über die Krankheit. „Ich bin froh, dass ich so selbstreflektiert bin und heute aktiv am Leben teilhabe, es mir selbst gestalte.“ Wann immer sie merke, das der Rückfall in alte Muster droht, erinnert sie sich an ihr wichtigstes Versprechen, dass sie in einer der zahlreichen Therapien gelernt hat: „die radikale Akzeptanz meiner Person“.

Als sie vor etwas mehr als zehn Jahren von einer Großstadt im Ruhrpott in eine Wohngemeinschaft im beschaulichen Eutin ankam, war genau das – wie sie selbst sagt – hart: „Ich war in einem Alter, wo andere fest im Leben stehen, Kinder und Familie haben. Ich hatte nichts, außer mich selbst und zwei Berufsausbildungen, war aber nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Hatte weder Freunde vor Ort noch Familie.“

Gabriele Wieching war jahrelang Krankenschwester und arbeitete sich bis in die Psychatrie. „Ich war fertig, ich konnte einfach nicht mehr.“ Sie habe immer das Gefühl gehabt, nicht zu genügen, ihr Recht auf Leben abarbeiten zu müssen. Von anderen Borderlinern weiß sie – auch das ist typisch. „Ganz viele suchen sich soziale Berufe, wollen Anderen Gutes tun und vergessen sich selbst oder können sich gar nicht selbst fühlen.“ Auch nicht das Ritzen – sich selbst verletzen aus Missachtung des eigenen Körpers. Gabriele Wieching hat sogar mehrfach versucht, ihr damals für sie unwertes Leben zu beenden. Heute sagt sie – „zum Glück ohne Erfolg“. Doch sie weiß auch, dass sie damit unter den Erkrankten ein Einzelfall ist. Umso größer ist nun ihr Wunsch, auf dem Gebiet aufzuklären: „Es ist mir eine Herzensangelegenheit, dass was ich gelernt habe, weiterzugeben.“ Es soll in dieser Selbsthilfegruppe nicht um Schuldzuweisungen gehen, nicht darum, was in der Vergangenheit falsch gelaufen sei. „Betroffene haben an mehreren Stellen die Möglichkeit sich Hilfe zu suchen, doch die Angehörigen, die oft gar nicht wissen, wie sich Borderliner fühlen und wie sie mit ihnen umgehen sollen, werden alleine gelassen.“ Genau das will Gabriele Wieching mit ihrem Angebot der Selbsthilfegruppe für Angehörige ändern. „Ich möchte mich dabei nicht in den Vordergrund drängen“, sagt sie bescheiden. Ihr gehe es darum, da zu sein und Antworten zu geben, wenn Sie gebraucht werde.

Auch mit Ärzten in Kliniken wolle sie sprechen, um sie zu sensibilisieren – sogar vor Schülern. Ihre Hoffnung: „Wenn Borderline frühzeitig erkannt wird, gibt es gute Chancen, dass die Erkrankung nicht chronisch wird.“

Geheilt, so sagt sie selber, kann man von Borderline nicht sein. Aber sie weiß, wo ihre „Schwächen sind, ihre Felder, die sie bearbeiten muss“ und hat gelernt, die Kette zu durchbrechen. Hat früher ein Trigger gereicht, um sie an irgendetwas aus der Kindheit zu erinnern, folgten Wein- oder Schreikrämpfe. „Heute schaffe ich es, mich selbst runterzuregeln. Klar bin ich dann immer noch unglaublich wütend, dass mein Vater in meiner Kindheit etwas mit mir gemacht hat, was ich ein Leben lang ausbaden muss. Aber ich habe gelernt, das zu akzeptieren– mich zu akzeptieren und zu lieben.“

 



Selbsthilfegruppe für Angehörige von Borderlinern, Freitag, 13. März ab 18.30 Uhr in den Räumen der Brücke (Bahnhofstraße)

 

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