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Ostholsteiner Anzeiger

18. Oktober 2017 | 10:15 Uhr

Eine Meisterin im Reich der Steine

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die Eutinerin Martina Stumpf ist eine von nur zwei Steinmetz-Meisterinnen mit eigenem Unternehmen in Schleswig-Holstein

von
erstellt am 24.Jul.2017 | 15:31 Uhr

Von weitem schon ist sie zu sehen, auf ihrem Ausstellungsgelände zwischen Granit und Quarzit, Impala und Diabas umherschwirrend wie ein Vogel in einem steinernen Revier. Flink Maße nehmend für die nächste Aufgabe. „Ach, fast hätte ich Sie vergessen“, ruft sie mit einem fröhlichen Lachen, einmal noch auf ihren Zettel und seine Zahlen blickend, als wiege etwas in ihr ab: über die Arbeit reden oder wieder in sie hineintauchen?

Steinmetzmeisterin Martina Stumpf, die in vierter Generation das gleichnamige Eutiner Familienunternehmen führt, legt Zettel und Stift beiseite. Und gewährt einen kleinen Einblick in ein Leben mit dem Handwerk, in dem sie ganz und gar und glücklich zuhause ist.

Drinnen, im Gesprächsraum, bronzener Steinschmuck und Modelle geradliniger und verschnörkelter Buchstaben. Für die Schrifthauerei. Für die Namen. Die Worte der Liebe. Oben an der Wand wachen blass und beeindruckend vier Meisterbriefe in Reihe. Eine Gipsplastik des Urgroßvaters ist bei allem Geschehen dabei.

Den aus Leipzig stammenden Steinbildhauer Kurt Stumpf hatte die Arbeit nach Eutin geführt. Und um der Liebe willen war er geblieben. 1922 hat er den Steinmetzbetrieb in der Plöner Straße gegründet. Ihm folgten Walter und schließlich Wolf-Dieter Stumpf, der mit seiner Frau Renate zwei Töchter bekam. Im Mai 1971 in den Schoß dieser inzwischen so fest mit dem alten Handwerk verbundenen Familie geboren, war Martina Stumpf von der frühesten Erinnerung an eins mit diesem von einer besonderen Arbeit geprägten Leben.

Die Wohnung direkt über der Werkstatt, die Mädchen überall mittendrin. Wenn die großen Granitblöcke geliefert und gehauen wurden. Wenn drüben auf dem Friedhof ein Grabstein an seine Stätte kam. „Dort haben wir das Laufen und Radfahren gelernt, während die Großen die Arbeit machten, so war das damals einfach“, sagt Martina Stumpf. Eine Freundin wagte schon wegen der Modelle auf der Ausstellungsfläche nicht, bei ihr zu übernachten.

Die heranwachsende Eutinerin aber begriff früh, dass die bis zu 1,4 Milliarden Jahre alten Steine aus bescheidener menschlicher Sicht wie entfernte Verwandte der Unendlichkeit wirken. Und den Menschen damit eine schöne und tröstliche Möglichkeit geben, ihre unsterbliche Verbundenheit mit den Liebsten und dem Leben auszudrücken.

Ihre Meisterarbeit: eine Sonnenuhr aus Hessisch Diabas. Das war ihr Wunsch, zu betonen, dass die Steine auch für die einfache, die tägliche Freude am Leben stehen können.

Martina Stumpf ist heute laut Handwerkskammer Lübeck in Schleswig-Holstein eine von nur zwei Steinmetz-Meisterinnen mit eigenem Unternehmen. Viel bedeutender findet sie aber das Glück, von der Familie umgeben zu sein. Vater Wolf-Dieter kümmert sich um die Außenstelle in Malente und schleppt immer noch mit Vorliebe Findlinge für besondere Aufgaben an. Mutter Renate hält den Laden in Bad Segeberg zusammen. Und Lebensgefährte Michael Zubel, von Hause aus Kaufmann, hat sich ebenfalls ganz dem Steinmetzhandwerk verschrieben und inzwischen auch seinen Meister gemacht.

Manchmal, wenn die organisatorische Arbeit es zulässt, steht sie mit ihm zusammen in der Werkstatt und arbeitet am Stein. Ein Blick in diese Werkstatt macht still. Direkt nebeneinander, massiv und eindrucksvoll, zwei aktuelle Arbeiten, ein Hochzeitsfindling und ein Grabstein. Namen und Zahlen des Glücks und der Trauer.

Auch ihr Handwerk, eines der ältesten der Welt, hat sich der Globalisierung fügen müssen. Alles ist heute per Mausklick aus aller Welt, aus guten oder schlechten Quellen, von Maschinen fertig bearbeitet und möglichst billig zu bekommen. Aber die Stumpfs haben ihre voll ausgestattete Werkstatt behalten, sind immer noch in der Lage, Rohstein nach eigener Handwerkskunst zu bearbeiten. Den bekommen sie aus Afrika und Indien, aber auch, vor allem den schönen roten Granit, den sie so liebt, aus Skandinavien.

An der alten Tradition der Schrifthauerei halten sie fest. Ornamente. Das Labyrinth. Die Lebensspirale. Ein Schiff im Spiel der Wellen. Namen und Zahlen, glückliche und beweinte.

Die beiden Steine berührt und berührt von den Steinen zurück in den Gesprächsraum. Hier also kommen Menschen hin, die etwas Schönes für den Garten wollen oder eine Erinnerung an einen glücklichen Festtag. Und, überwiegend: die in Trauer sind. „Das ist wohl der wichtigste und intensivste Teil meiner Arbeit“, sagt Martina Stumpf, „im Gespräch mit den Angehörigen den richtigen Stein zu finden.“ Und das sei eine gute Arbeit.

Denn die vielen Verpflichtungen, die direkt nach dem Tod eines Menschen auf die Hinterbliebenen zukommen, seien in der Regel bewältigt. Der Schmerz des Abschiednehmens münde in die Gestaltung eines Erinnerungsortes. Das werde oft als positiv empfunden. Es gibt aber auch Gespräche, in denen der schönste Stein noch nicht alt genug ist, um tröstlich zu sein. Gehört alles dazu. Zum Leben. Und zur Arbeit einer Steinmetzmeisterin.

Wo sie aufwuchs, lebt sie heute noch. Im alten Nest im steinernen Revier, in der Wohnung über der Werkstatt. Manchmal zwingt sie sich nach einem langen Arbeitstag, den Stift hinzulegen und nach oben zu gehen. Manchmal ist die Arbeit gut geschafft und es ist Zeit für einen Ausritt mit dem Pferd durch die ruhige Natur. Oder sogar für einen Kurzausflug mit dem Liebsten. Aber erst einmal geht wieder das Telefon. Genug erzählt. Martina Stumpf winkt fröhlich, Zettel und Stift in der Hand.

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